BÄRENKLAU


Wie sind wir bloß hierher gekommen?
Sicher, Hartmuts Liebe zu Autobahnen und Landstraßen bei Nacht ist mir bekannt. Es gibt kaum faszinierendere Orte für ihn. Die Wälder, die sich hinter Rastplätzen auftun und plötzlich an den Zäunen von Kraftwerken enden. Die Stimmung auf Rasthöfen um 3 Uhr nachts, wenn Trucker nicht draußen in ihren Kojen schlafen können, sondern müde vor dem Fernseher des Restaurants sitzen, während die Bedienung die Gläser putzt und ein paar versprengte Messeheimkehrer sich in ihrem Kalender Notizen machen. Hartmut liebt diese Atmosphäre zwischen Kommen und Gehen an Orten, die zu keiner Stadt gehören. Rasthöfe sind Inseln für ihn und die Autobahn ist das Meer, wie damals, als wir in den westfriesischen Meeren mit geliehenem Boot an winzigen Landflecken anlegten, die mit nur einem Steg einsam dort draußen im Wasser hockten. Hartmut braucht diese Ausflucht, denn Susanne ist sauer, schläft bei ihrer Freundin und ruft nicht an. Das hält er nicht aus. Also stehe ich jetzt mit ihm am Rand der A43, achte darauf, wann ein Auto kommt, und schaue mir an, wie er eine dicke Stange Bärenklau abbricht, der hier besonders imposant wächst. Er hält sie in der Faust wie einen Porree.
"Nein!", sage ich, und in der Ferne nähern sich zwei Lichter.
Hartmut hält den Bärenklau waagerecht vor sich und kneift die Augen zusammen.
"Das Zeug ist giftig!", sage ich. Die Lichter werden größer.
"Susanne ist gerade auch giftig, und ich liebe sie."
Das Auto ist da und zischt an uns vorbei, laut, wie ein Bellen aus Licht. Ich frage mich, ob der Fahrer uns gesehen hat. Einen Kerl mit Koteletten und Bärenklau in der Hand und einen anderen an der Leitplanke, der ihm vom Abbeißen abhalten will.
"Man weiß es nicht, solange man es nicht probiert hat", sagt Hartmut, geht mit der Stange auf die andere Seite der Bahn und hält sie sich vor den Mund.
"Du spinnst doch!", rufe ich und will hinüber, doch ein großer Lastzug mit gefühlten 60 Tonnen brettert zwischen uns über die Bahn und als er weg ist und der Blick wieder auf Hartmut fällt, ist die Bärenklau-Stange in seiner Hand kürzer geworden und hat oben ein paar lose Fransen. Hartmut kaut. "Sehr faserig", sagt er und ich sehe, wie ihm die Fäden aus dem Mund hängen. "Ich glaube, man muss ihn schälen. Ansonsten schmeckt es, als hätte man den Mund in den Waldboden gerammt."
"Du bist ja wahnsinnig!", sage ich, renne über die Autobahn, nehme ihm die Stange weg und werfe sie in die Bewaldung. "Frisst giftige Pflanzen, weil deine Frau sauer ist."
Hartmut sieht mich an, schluckt, so dass sein Kehlkopf wie eine dieser Besinnlichkeitskugeln, die man in der Hand kreisen lässt, auf und ab saust und sagt: "Wer bist du denn?" Dann kichert er, hört damit auf, sieht auf die Bahn und sagt: "Wenn Sie sauer ist, ist die Welt eine Last." Dann senken sich seine Koteletten nach unten." Ich klopfe ihm auf den Rücken: "Komm, lass uns hier weggehen. Du musst den Bärenklau bekämpfen. Oder wenigstens einen Kaffee trinken." Er nickt wie ein Patient. Ich zeige die Autobahn hinab.

Wir wandern über den Standstreifen zu einem Rasthof. Ab und an erhellen die Scheinwerfer der vorbeisausenden Autos die Nacht und Hartmuts Gesicht. Seine Koteletten und großen Augen, die nach vorne starren, als würden sie das Ende der Autobahn schon von hier aus sehen können, den Übergang auf die Landstraße oben am Meer. Den Parkplatz des Rasthofes betreten wir über die Einfahrt für Autos. Wir könnten auch auf Socken gehen und schlafwandeln, so komisch fühlt es sich an. Der Asphalt ist warm, die Luft schwül vom Sommer und den Neonreklamen der Tankstelle. "Du musst das Zeug aus dem Körper kriegen", sage ich.
"Ich weiß, dass ich nichts weiß", sagt Hartmut.
Wir gehen an den Zapfsäulen vorbei zu den großen Parkplätzen. Um eine Mülltonne summen Bremsen. Zwischen der Tonne und dem Stahlträger, an dem sie angebracht ist, hat eine Spinne ein Riesennetz geflochten und wartet darauf, dass sich Kinder beim Einwerfen des Snickers-Papiers in ihm verheddern. Hartmut wirft beim Vorbeigehen einen Blick auf das Exemplar und zuckt zurück wie Johnny Depp in "Fear & Loathing in Las Vegas".
"Dackel!", sagt er und grunzt dabei. Hartmut hat Bärenklau gegessen. Wir müssen etwas in tun.
In der Raststätte lenke ich ihn zur Treppe, die zu den Toiletten führt, werfe ein 50-Cent-Stück in den Schlitz und schiebe ihn durch das Drehkreuz. Ein Mann in Anzug steht an einem Pissoir, den Aktenkoffer schnurgerade neben seinem Knöchel abgestellt. Er pinkelt stark und druckvoll, ich sehe, wie winzige Sprenklertröpfchen aus dem Klo zurückspringen und sich unten auf seinem Koffer sammeln.
"Frisch gewachst", sagt Hartmut und ich drücke seinen Kopf zum Waschbecken. "Trinken!", sage ich, "trinken und kühlen." Er macht das Wasser an und schleckt aus dem Hahn wie unser Kater Yannick. "Schlupp, schlupp, schlupp" angelt seine Zunge das Wasser aus dem Strahl und nach dem 11. Schluck muss er husten. "Ächu!", macht er, und es klingt sogar wie bei Yannick, "ächu! ächu! ächu!" Der Geschäftsmann zieht seine Hose zu, nimmt seinen fein benetzten Koffer und entscheidet sich, sich heute nicht die Hände zu waschen. Hartmut hebt den Kopf, dreht sich mit nassem Mund und hervorstehenden Augen zu ihm und sagt: "Bärenklau!"
Der Mann schüttelt den Kopf, geht schnell weiter und bleibt einen Moment mit dem Koffer im Drehkreuz hängen. Hartmut hustet noch eine Runde, während er den verklemmten Geschäftsmann betrachtet und hört dann schlagartig damit auf. Der Mann kommt los und geht nach oben, Hartmut sieht mich an und sagt: "Was war denn das?"
"Was?", frage ich.
"Na", sagt er und zeigt baff auf das Drehkreuz, in dem eben noch der Feinstaubpinkler klebte, "das da!" Er nimmt ein Papiertuch, wischt sich viel zu hart durch's Gesicht und schnellt aus dem Sanitärbereich. "Was hast du denn?", sage ich und folge ihm. Oben angekommen sieht er sich nach dem Geschäftsmann um und beruhigt sich ein wenig, als er sieht, dass er nicht verschwunden ist, sondern mit zwei Frikadellen an der Kasse steht, die genauso unappetitlich glitzern wie das urinbenetzte Rindsleder seines Koffers. Hartmut schaut sich an, wie der Mann seine 3,60 Euro zahlt und klammert sich feste an meinen Arm. "Siehst du das?", fragt er.
Ich sehe einen Geschäftsmann nachts um halb vier Frikadellen kaufen.
"Nein", sage ich.
"Der arme Mann", sagt Hartmut.
"Wieso?", frage ich.
"Arbeitslos", sagt er. "Seit einem Jahr. War vorher im mittleren Management. Wirklich solide. Das tragische ist: in dem Koffer sind Äpfel. Alte Äpfel. Und Pornohefte. Keine Unterlagen. Scheiße."
Ich sehe Hartmut an und suche nach Anzeichen einer gut gelungenen Verarsche. Ich finde keine.
"Er kommt jede Woche hierher. Sonst ist er auf anderen Höfen. Wie früher auf den Geschäftsreisen. Die anderen sollen ihn noch als Reisenden sehen. Er kann nicht loslassen." Hartmut spricht wie in Trance, seine Augen fahren in der Luft an imaginären Buchzeilen entlang.
"Was redest du da?", frage ich.
"Ich kann es sehen", sagt er, "lesen. Es steht um ihn, neben ihm, in der Luft. Wie ein Computermenü. Sein Lebenslauf, seine derzeitige Energie, seine Hitpoints, sein Kalorieverbrauch."
"Hartmut?"
"Kein Scheiß. Es ist so. Vielleicht ist es der Bärenklau."
"Du sagst mir, dass du alles Wissen über die Menschen wie auf einem Bildschirm lesen kannst?"
"Ja, seine Hitpoints stehen rechts oben. Magiepunkte hat er keine. Wundert mich auch nicht, wir sind ja in der Wirklichkeit."
Ich starre ihn an. In meinem Kopf geraten ein paar Bereiche in Bewegung wie sich verschiebende tektonische Platten. Ich fühle mich berauscht, verengt auf die Neugier und den Irrsinn, den wir gerade ausleben.
"So!", sage ich, wie aus Trotz, stapfe aus dem Restaurant in die Nachtluft, drehe mich nach links, passiere die Mülltonnen mit der Spinne, wühle im Busch, finde einen Bärenklau, knicke ein Stück ab und beiße gerade in dem Moment hinein, als Hartmut mich einholt. Es schmeckt unbeschreiblich ekelhaft. "Aha", sagt er, "der Mahner und Warner."
"Ruhe!", sage ich, kaue zu Ende und horche in mich hinein, ob etwas passiert. Ich mustere Hartmut von Kopf bis Fuß. Dann sage ich: "Ich sehe deine Hitpoints nicht."
"Ich deine auch nicht", sagt er. "Es klappt nicht untereinander."
Ich winke ab. Jetzt habe ich auch Bärenklau gegessen, bloß, weil die Chance bestand, die echte Welt wie ein Spiel zu sehen. Wir werden beide umkommen.
"Wir sollten Kaffee trinken", sage ich. "Und Pfirsiche essen." Dann kichere ich wie bescheuert und fühle mich auch wie Johnny Depp. Wir gehen wieder zur Restaurant-Treppe, an der Mülltonne vorbei. "Mops!", rufe ich, als ich die Spinne sehe.

Wieder im Restaurant gehen wir zu den Theken, nehmen zwei Pfirsiche, zapfen Kaffee, zahlen und setzen uns an die Tische. In der Ecke oben links flimmert ein Fernseher. Der Geschäftsmann ist schon weg. Ich trinke, kratze meine Stirn und sehe mich um. Als mein Blick auf einem LKW-Fahrer in Jogginghose hängen bleibt, falle ich fast in Ohnmacht. Da steht es, in gelber Schrift neben seinem Kopf. Name, Wohnort, Beruf, Kennzeichen und Gemütslage. Rechts oben Hitpoints und Kalorieverbrauch, links unten seine verfügbaren Special Moves. In der Mitte läuft ein Fließtext durch, der seine Lebensgeschichte erzählt. Zwei Mal geschieden, latent gewalttätig, sich selbst dafür verachtend, weinerlich, trockener Alkoholiker, verliebt in Johnny Cash und die Flippers, beides zugleich. Gerade denkt er an seinen Chef und schlägt ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Danach treibt er es mit einer Hure in seiner Koje. Ich sehe weg und Hartmut an. Der beugt sich wie Efeu über den Tisch und sagt: "Du siehst es jetzt auch, nicht wahr?"
"Das ist ja Wahnsinn", sage ich.
"Der Bärenklau", sagt Hartmut.
"Meinst du, das bleibt jetzt so?", frage ich.
Hartmut denkt an die Möglichkeiten. Seine Augen schieben sich noch einen Millimeter weiter nach vorne. Ich glaube, das Glitschen der Äpfel zu hören.
"Wir müssen in die Uni", sagt Hartmut. "Uns untersuchen lassen. Wie Laborratten." Seine Koteletten tasten die Luft ab. Ich bekomme Sodbrennen. Wir haben Bärenklau gegessen. "Paralipomena", sage ich.

Wir essen die Pfirsiche und versuchen eine Zeit lang, niemanden anzusehen. Es ist pietätlos. Die Neugier wird uns eh gleich wieder überwältigen. Ein junger, kaukasisch wirkender Mann klappt eine Zeitung zusammen, steht auf, geht an uns vorüber und wirft uns einen Blick zu. In Bruchteilen von Sekunden sehe ich, wie sein Lebenslauf auf diese eine Nacht zuläuft, in der er uns überfallen will. Er hat es gerade beschlossen. Neben der Spinnentonne auflauern, überfallen, zerschlitzen. Ich verschlucke den Pfirsich.
"Ächu! Ächu!", mache ich und Hartmut schlägt beruhigend auf mich ein und fragt, was denn los sei. Seine Koordination ist nicht gut. Er will den Rücken treffen, aber seine Hände prasseln auf meine Wangen und Schultern nieder. Ich würge und spucke den Pfirsichkern aus. Glibber zieht sich in Fäden von meinem Mund zur Tischdecke. Ich japse, zeige auf den kaukasischen Schlitzer und sage Hartmut, was passieren wird.
Der blickt ihm einfach nach.
"Wir müssen einen Präventivschlag machen", sage ich.
Hartmut schüttelt den Kopf.
"Wie, nein? Er will uns überfallen. Aufschlitzen. Von der Landkarte fegen! Wir müssen einen Präventivschlag machen!"
"Wir müssen einfach nicht an der Mülltonne vorbeigehen."
"Bitte?"
"Du sagst doch, er lauert hinter der Mülltonne. Gehen wir rechts weg, lassen wir ihn lauern."
Ich puste aus: "Glaubst du plötzlich nicht mehr an deinen Bärenklau?", frage ich. "Wenn DU etwas siehst, ist es wahr, aber wenn ICH etwas sehe, ist es hysterisch?"
"Was, wenn wir ihn präventiv schlitzen und er hatte gar nichts vor?"
"Kann nicht."
"Was, wenn das Spiel uns an der Nase herumführen will?"
Das ist schon eher ein Argument. Ich grummele und nippe an dem Kaffee. "Gut", sage ich, "gehen wir raus und sehen wir nach."
Wir stehen auf, lassen den ausgewürgten Pfirsichklumpen zwischen den Tassen liegen und gehen die Treppe hinab. Geduckt stürmen wir nach links, stürzen uns schreiend hinter die Mülltonne und fallen fast übereinander, da wir keinen Kaukasier finden. Wir rappeln uns wieder auf, Hartmut schüttelt noch mit der Hand nach, an der sich die Spinne festgebissen hat.
"Der Bärenklau ist nicht zuverlässig", sagt Hartmut.
"Nein", sage ich, "ist er nicht."

Wir gehen wieder hinein und kaufen zwei Bier, weil es das ist, was wir tun, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Andere rufen Mails ab oder rauchen. Wir hocken uns wieder ins Restaurant, stoßen an, trinken und schauen dabei in den Fernseher. Es läuft ein Nachbericht zu Bruno, dem Schwarzbären, der neulich wild in Österreich auftauchte, Hühner riss, ohne Pass nach Deutschland einwanderte und prompt erschossen wurde. Drei Monate danach erinnert man um 4.07 Uhr im Fernsehen an den Fall und spielt die O-Töne von Bürgern ein, welche die Erschießung "scho richtig" fanden. "Die wisse schoa was se dun!" Hartmut stellt sein Bier ab, sagt "Susanne ist sauer", geht nach drüben, kauft eine Frikadelle und eine Bildzeitung, setzt sich wieder zu mir, legt den Fleischklumpen auf die Zeitung und rollt ihn ein. Das Fett suppt durch das Zeitungspapier, das Hartmut sorgfältig unterschlägt. Zwei Typen, die in einer Sitzecke hocken und Schnaps trinken, schauen zu uns herüber.
"Was machst du da?", frage ich.
"Susanne ist weg", sagt Hartmut, "ich kann einpacken!"
Dann schiebt er die Zeitung wieder auf, offenbart die Frikadelle, rollt sie wieder ein. "Ich kann einpacken. Siehst du?"
Ich rolle die Augen, bekomme Ohrensausen und sehe wieder zu den Schnapstrinkern hinüber. Nach 10 Sekunden erscheint das Menü über ihnen, in gelber Schrift. Ich überfliege die Namen, die Kraftwerte und die Punktezahl. Dann lese ich den Fließtext und verschlucke mich am Bier. Ich zerre Hartmut am Arm, der die Frikadelle auf- und zurollt.
"Die beiden Typen da hinten. Lies das", sage ich.
Hartmut sieht hinüber und ich sehe, wie seine Augen einrasten, als er den Text erkennt. Er liest. Dann schnappt er nach Luft. "Liest du da, was ich lese?", frage ich. Er nickt. "Was für miese Typen", sagt er. "Was für kranke Typen", sage ich.
Die Sache ist die: die beiden Schnapstrinker wollen einen Bären klauen. Aus dem Duisburger Zoo, einige Kilometer die Autobahn runter. Sie haben einen Transporter dabei. Den Bären wollen sie an die Jäger verkaufen, die vor ein paar Monaten Bruno erschossen haben. Diesen Noteinsatz zwischen Deutschland und Österreich fanden die so spannend, dass sie es wiederhaben wollen. Kein neuer wilder Bär tut ihnen den Gefallen. Sie zahlen 50.000 Euro. Hartmut ballt die Faust um seine Bierflasche.
"Jetzt brauchen wir einen Präventivschlag", sagt er.
Wir stehen auf, werfen Bierflaschen und Frikadellenzeitung in den Müll, schlendern nach links und verstecken uns hinter der Mülltonne. Die Spinne hat bereits angefangen, ihr Netz neu zu bauen, aber sie erlaubt, dass wir uns verstecken, als wir ihr erklären, dass wir damit einen Bären retten wollen. Es kribbelt unter meiner Kopfhaut. Es ist eine aufregende Nacht.
Nach 10 Minuten verlassen die Bärenklauer das Restaurant und zielen auf einen schwarzen Transporter. Als sie an der Mülltonne vorbeikommen, springen wir heraus. Ich schlage einen nieder und Hartmut schlingt die Arme um den anderen und drückt ihm einen Ast in den Rücken, den er hinter der Tonne aus dem Gestrüpp gezogen hat. "Keinen Mucks, oder Blei gräbt sich in dein Rückenmark", sagt er. Ich frage mich derweil, ob ich dem anderen wieder aufhelfen soll. Die Huckel an meiner Hand schmerzen. Ich habe mich lange nicht mehr geprügelt. "Los, macht den Bus auf!", sagt Hartmut und schiebt den Mann zur Tür. Er öffnet sie. Der Laderaum ist von der Fahrerkabine getrennt. "Ihr könnt nicht", will der Mann eine Protestnote beginnen, doch Hartmut hebt den Stock und rammt ihn dem Mann in den Nacken. Der klappt augenblicklich zusammen. Mein Mann ist ohnehin schon betäubt. Schnell wuchten wir die beide in den Laderaum. "Scheiß Tierquäler", sagt Hartmut und zieht dem einen den Busschlüssel aus der Tasche. Wir schließen die Tür, gehen um den Wagen und steigen vorne ein.

"Wohin?", frage ich, als Hartmut den Motor anlässt.
"Ich weiß schon", sagt er, und er wird wissen. Die Autobahnen zwischen Ruhrgebiet, Rhein- und Sauerland kennt er sehr gut. Er ist früher viel mit seinem Tigerentenbus rumgegurkt. Jetzt sitzen wir in einem schwarzen Transporter und haben zwei bewusstlose Männer zu verbringen. Ich frage mich, ob das alles noch im Bereich des Denkbaren ist, stoße wieder auf wegen des Bärenklaus und halte mich fest, als Hartmut losfährt.
Nach einer schweigsamen halben Stunde blinkt er und biegt auf eine kleine Abfahrt, die man nicht benutzen darf. Nach ein paar Metern kommt eine Sperre, die er umfährt. Dann Asphalt, der schon brüchig geworden ist und aus dem Disteln, Brennesseln und neue Bärenklaustangen wachsen. Es ist das Gelände einer längst verlassenen Polizeiwache. Ein flaches, quadratisches Gebäude, zugewuchert wie die alte Zentrale in Jurassic Park 2. Wir halten davor, gehen um den Bus, horchen, ob die beiden noch bewusstlos sind, öffnen die Tür, ziehen sie heraus und fesseln sie mit Packstrapsen, die neben einigen Decken hinten im Bus deponiert sind. Dann tragen wir sie in die alte Wache. Sie sind recht leicht, vielleicht um die 20, einer deutsch, einer asiatisch. Ich frage mich, wie sie den Bären tragen wollten.
Die Tür ist offen, innen stinkt es nach Urin und sauer gewordenen Pflanzen. In einem Flur rechts hinter der alten Empfangstheke finden wir eine Ausnüchterungszelle. Wir legen die beiden hinein. Zur Zeit können wir von ihnen nichts sehen. Das Menü wird wohl komplett ausgeblendet, sobald jemand nicht bei Bewusstsein ist.
"Ich brauche Kaffee", sagt Hartmut, geht nach vorne, sucht an der Theke herum und betritt dann ein verwittertes ehemaliges Büro. Die Tür knackt, statt zu quietschen. "Ah, hier!", ruft er und ich höre, wie etwas raschelt, schabt, plätschert und dann blubbert. Es klingt, als wolle die Maschine das erste Wasser seit Jahren durch ihre verschrumpelten Nasenlöcher einziehen.
"Das ist doch nicht dein Ernst?", rufe ich.
"Doch!", ruft Hartmut. "Fessele sie schon mal an Stühlen fest. Ich komm gleich."
Es ist Samstag Nacht und ich fessele zwei junge Männer, deren Biografie und Absichten wir als Videospielmenü neben ihren Köpfen sehen können, in einer stillgelegten Wache an der A43 auf Stühle, weil sie einen Bären klauen wollen. Ich spüre, dass ich Fragen stellen will, aber irgendwie bin ich einem Fluss. Die Männer haben dünne Arme, der Asiate trägt ein Tattoo der Band Korn. Sie wachen langsam auf und machen röchelnde Geräusche. Hartmut kommt mit zwei Tassen Kaffee hinein, gibt mir eine in die Hand, nippt an seiner und schließt die Tür. Er hat ein weißes Hemd angezogen und Hosenträger, beides stinkt muffig wie aus den Kellern von Verstorbenen. Ich nehme auch einen Schluck Kaffee aus Brachwasser. Er schmeckt, als würde man feuchtes Pulver in Lettland von einem rostigen Rohr lecken. Die Männer kommen zu sich und reißen in einem Ruck die Köpfe nach oben, um zu verstehen, wo sie sind. Sie rütteln an ihren Fesseln, sie schauen sich an. Sie denken, sie sind in der Gewalt von Irren. Was mich irritiert, ist, dass ihre Menüs weg bleiben, obwohl sie zu Bewusstsein gekommen sind. Keine Hitpoints, kein Fließtext. Ich schaue zu Hartmut und bemerke, dass er das gleiche sieht. Oder besser: nicht sieht. Er lässt es sich nicht anmerken und bellt: "So, dann wollen wir mal."
"Was wollen wir mal?", sagt der Asiate und sieht uns an, als hoffe er, das Ganze sei ein Spiel.
"Auspacken!", sagt Hartmut.
"Ich dachte, du kannst einpacken", sagt der Deutsche, und ich muss kichern. Sie haben gute Ohren. Hartmut stockt und flüstert mir zu: "Hat es sich jetzt umgekehrt? Können die jetzt unsere Daten sehen?"
Der Asiate ruckt am Stuhl: "Was soll der Scheiß, Leute? Seid ihr Psychokiller oder was? Ihr seht mir nicht danach aus."
"Sie sind mutig", sagt Hartmut zu mir, als seien die beiden nicht da.
"Ob sie es auch so mutig fanden, einen Bären aus dem Zoo zu klauen und ihn an spannungsgeile Jäger zu verkaufen?"
"Was???", brüllen beide.
"Leugnen ist zwecklos!", sagt Hartmut, und langsam kommt mir das ganze wie ein elendes Possenspiel vor, in das wir uns verrannt haben und das wir nun irgendwie halbwegs würdevoll zu Ende bringen müssen.
"Es ist ein elendes, würdeloses Possenspiel", sage ich und muss kichern. Es ist, als wüchsen Bärenklaustangen in mir und kitzelten mich bereits mit ihren ersten Ausläufern in der Nase. Hartmut sieht mich an, wie ich einen Lachkrampf bekomme, sieht an sich selbst in seinem weißen Hemd und den Hosenträgern hinab und muss auch lachen. Dann hört er abrupt auf, seine Miene versteinert, und er sagt: "Ich kann mir nichts mieseres vorstellen, als so ein wunderschönes Tier ein paar Menschen zum Abschuss zu verkaufen." Dann geht er auf den Deutschen zu und hebt seine Hand. Der dreht den Kopf weg und rüttelt an seinem Stuhl. "Nein!", rufe ich. "Man muss sie schlagen", sagt er. Der Asiate sieht uns an, als verstehe er, was hier passiert. Mit weicher "ich werde euch nicht vor Gericht stellen"-Stimme sagt er: "Jungs, WAS - IST - LOS?"
Hartmut lässt die Hand sinken, stellt die Tasse ab und setzt sich auf den Boden.
"Wir wissen, was ihr diese Nacht getan habt. Äh, tun wollt", sage ich.
"Woher?", fragt der Asiate.
"Wir sehen es", sagt Hartmut, "es steht euch sozusagen auf der Stirn geschrieben."
"Aha. Und wir wollen einen Bären klauen?"
"Ja."
"Aus dem Zoo. Um ihn an Jäger zu verkaufen?"
"Ja."
"Mit einem Bus, in dem kein Betäubungsgewehr zu finden ist, dafür aber Umzugsdecken und Umzugsgurte?"
Hartmut schaut zu mir herüber. Es ist ein Possenspiel.
"Was, wenn wir Recht haben?", fragt Hartmut.
"Was, wenn wir Recht haben?", sagt der Asiate.
Das ist allerdings ein Argument. Wir schweigen und blicken mit gesenkten Ohren in unseren Kaffee.
"Wenn WIR Recht haben und einfach nur zwei Studenten sind, die umziehen, dann habt ihr uns überfallen, niedergeschlagen, verschleppt, gefoltert und zudem Landfriedensbruch in eine alte Polizeiwache begangen. Ich vermute, unter der großen Koalition gibt das 25 Jahre Arbeitslager im Call Center."
"Wenn WIR Recht haben, kriegen wir einen Orden vom Tierschutz."
Der Asiate zieht die dünnen Brauen hoch.
"Wie kommen wir jetzt da raus?", frage ich und in dem Moment hören wir einen lauten Motor draußen arbeiten. Es zischt wie ein LKW, quietscht und erstirbt. Ein Trucker, der lieber illegal hält, um seine Ruhe zu haben? "Bleibt hier!", sagen wir zu den Jungs; die machen "Haha" und wir robben im Hauptraum hinter die alte Theke und schieben die Lamellen des Rollos auseinander. Im fahlen Licht, das von der Autobahn rüber scheint, steigen zwei Männer aus einem LKW und mustern den schwarzen Transporter der jungen Leute, die wir entführt haben.
"Abgestellt", sagt der eine.
"Nein, hier ist jemand. Lass uns die Scheiße woanders abladen, Kurt!"
"Hier ist keiner. Und überhaupt, woanders! Das ist die einzige verlassene Stelle im Umkreis von 200 Kilometern. Denkst du denn, ich recherchiere das umsonst?"
Schweres Ausatmen. "Also gut. Mach die Karre auf."
Kurt öffnet den LKW und ich glaube, ich spinne, als die ersten Säcke mit Gammelfleisch herausfallen, einer reißt und sich das stinkende Gehackte über den Asphalt verteilt. "Nicht einfach raus. Da, in die alte Wache! Oder dahinter!"
Hartmut und ich stoßen uns von der Wand ab und robben schnell wie junge Katzen zur Ausnüchterungszelle zurück. Innen angekommen, schließen wir die Tür und löschen das Licht. Hartmut macht sein Handy an, und das Display erhellt leicht unsere Gesichter.
"Was ist jetzt?", fragt der Asiate.
"Draußen laden zwei Männer Gammelfleisch ab", sagt Hartmut und der Asiate sieht uns im Handylicht an. Sein deutscher Kumpel sagt gar nichts mehr. "Das ist jetzt kein Witz", sage ich.
"Schließt ab", sagt der Asiate und zeigt mit der Nasenspitze auf einen alten Schlüssel, der innen in der Zelle steckt. Ich schließe ab. Hartmut hält sein Handy hoch: "Das ist unsere Chance, hier gemeinsam rauszukommen", sagt er. "Ich rufe jetzt Polizei, Bildzeitung und Fernsehen an. Die kommen und ihr seid die Helden. Ihr müsst bloß sagen, dass ihr pinkeln musstet und nicht mehr konntet. Da seid ihr hier auf das Gelände gefahren, Sperrung hin oder her. Habt die Gammelfleischmafia beim Wegschaffen der Beweismittel erwischt. Bekommt Ruhm, Lohn, Interviews, Kohle."
"Für den Umzug", sage ich.
Der Asiate überlegt. Hartmut hält ihm das Handy ans Ohr. "Hier. Ich gebe unser Schicksal in eure Hände. Ihr könnte die Polizei rufen und sagen, dass wir euch entführt haben und in die Klapse müssen. Oder ihr bringt die Gammelfleischstory. Aber beeilt euch, gleich sind sie drin."
Der Asiate schaut Hartmut an. "Was soll ich wählen?", sagt der. Draußen rummst es. Sie haben die Tür eingetreten. Der Asiate lässt 110 wählen und erzählt von Gammelfleisch. Danach simsen wir an die Presse.

Die Sache ging gut.
Die Polizei war schnell da, sogar schon 10 Minuten nach dem Fernsehen. Hartmut und ich gaben uns als Schaulustige aus, die an den Feldern hinter der Autobahn wohnen und herüber gelaufen seien, als wir von der Ferne den Trubel bemerkten. Unsere Entführungsopfer bekamen den Ruhm und wurden zwei Wochen lang herumgereicht, bis irgendeine Verordnung verschärft wurde, nach deren Reform Fleisch nun nicht einmal mehr gammeln darf. Wer gammeln lässt, zahlt Strafe. Die Spielmenüs neben den Köpfen der Menschen haben wir seit jener Nacht nie mehr gesehen.

An einem Freitag - die ganze Sache ist gerade auch medial verbraucht - gehe ich hinüber zur Pommesbude, bestelle etwas Fleischloses und spüre, dass mir jemand an die Schulter tippt. Es ist der Asiate.
"Sag nicht, ihr wohnt hier?", sagt er.
Ich schlucke und zeige nach drüben: "Sag nicht, IHR wohnt hier..."
"Studenten der Soziologie in Bochum", sagt er.
Ich werde rot.
Er sieht mich an. Merkwürdig. Wie aus der Ferne.
Ich frage: "Wolltet ihr damals diesen Bären klauen?"
Er juckt sich, Kratzer am Unterarm. "Ich will mal so sagen: Die Nacht war profitabel genug."
Dann nimmt er seine Tüte vom Jugoslawen entgegen, grüßt mit dem Finger an der Stirn und geht.

Wir haben nie wieder Bärenklau gegessen.
Susanne kam wieder.

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