BAUSTELLEN


Hartmut sitzt auf dem Klo und liest Nietzsche. Ich schwitze. Irgendwann muss er rauskommen. Ganz sicher.

Im Bad ist Herr Letschko mit der Waschmaschine zugange. Herr Letschko hat ein breites Kreuz und seine Haare liegen ihm auf der nassen Stirn wie Algen. Er schnauft. Ich weiß nicht, was er macht. Ich sehe nur seinen gigantischen Rücken über der Maschine und frage mich, warum er sich nicht seitlich daneben hockt, um die Montage vorzunehmen. Vielleicht montiert Herr Letschko aber auch gar nicht. Vielleicht schwitzt er nur.

"Hartmut", rufe ich wieder und klinge dabei wie ein Kater, der kurz davor ist, mit der Pfote an der Tür zu scharren. Ich will nicht alleine mit Herrn Letschko sein. Niemand sollte alleine sein, wenn der Handwerker im Haus ist. Hartmut sagt "Moment!", dann geht die Spülung, der Wasserhahn, ein schweres Atmen. Die Tür öffnet sich. Hartmut sieht mich an.
"Ich werde mit dem Übermenschen nicht fertig", sagt er, nickt kurz, als wolle er nachsehen, ob die Information bei mir angekommen ist und geht in die Küche. Er öffnet den Sandwichtoaster und legt zwei Scheiben labberiges Weißbrot hinein. Dann schneidet er Tomaten. Ich mache leidende Augen, die nach hinten zeigen und mein Mund wird schmal. Hartmut soll keinen Toast machen. Im Bad spielt die Musik. Die Tomate platzt und will sich nicht in Scheiben teilen, glasiger Saft mit Kernen fließt über das Brett. Hartmut setzt das Messer ab. "Wenn der Wille wirklich der Grundstein allen Übels ist - so jetzt mit Nietzsche gegen Nietzsche gedacht - dann müsste man konsequenterweise den Willen abschaffen", sagt Hartmut und das Schnaufen im Bad vermischt sich mit einem knappen Fluchen. "Dann müssten wir alle absichtlich schwach sein. Und doof. Da beißt sich der Hund überhaupt in den Schwanz. Da studierst du jahrelang und am Ende aller Theorien kommst du zu dem Schluss, dass du jetzt eigentlich viel zu schlau bist, um niemanden zu unterdrücken. Man müsste wieder absichtlich dumm werden." Hartmut studiert einen Moment die Tapete an der Wand, dann drückt er das Messer in die nächste unteilbare Tomate.

"Jesses!" brüllt Herr Letschko aus dem Bad und wir sehen Yannick, wie er durch den Flur in die Küche gerannt kommt, die Ohren zurück gelegt. Die Wasserlinie folgt ihm. Wie das Meer, dem man im Urlaub vorangeht, wenn es seinen Rand gemächlich nach vorne treibt, wandert eine Linie seifigen Wassers durch den Flur auf uns zu. Knapp dahinter folgen ihr große Füße in Arbeiterschuhen. Die Füße von Herrn Letschko. Herr Letschko brüllt: "Wo Wasser abdrehen?" Er fuchtelt mit den Händen. Im Dschungel hätte er schon eine Legion Moskitos erschlagen. Der Mann könnte mit Daumen und Zeigefinger Tauben zerquetschen. "Abstellen, wo???" Hartmut schaut auf den Boden, die Flut und den Handwerker, wirft das Messer neben die Tomate und rennt ins Bad. Er wirft sich auf den Boden und kriecht unter die Ablage zwischen Wand und Wanne. Das Wasser umfließt seine Handgelenke wie der Amazonas alte Baumstämme. Er keucht und seine Füße wackeln, als er hinten am Ende der Höhle die Armatur erreicht und das Wasser abdreht. "Wann kommt es schon vor, dass man das Wasser abstellen muss?", haben wir uns damals gedacht. Die Armatur können wir ruhig verbauen.
Die Flut stoppt.
Herr Letschko und ich stehen im Teich. Hartmut rappelt sich auf, das T-Shirt durchnässt. Herr Letschko räuspert sich und sieht kurz zur Waschmaschine. Dann dreht er sich um, holt Wischmob und Eimer aus dem Schrank im Flur und sagt: "Mache Bad!" Hartmut sieht zu ihm, dann in den Flur. Herr Letschko lächelt und hebt die Putzutensilien an: "Habe aufgepasst. Augen auf." Dann wischt er.

Hartmut und ich übernehmen die Küche. Yannick sitzt auf der Lehne des Sessels im Wohnzimmer und späht durch den Perlenschnurvorhang um die Ecke. Das Wasser hat genau vor dem Wohnzimmer Halt gemacht. Ich werfe ein paar Aufnehmer ins Watt. Hartmut setzt sich. "Streng genommen dürften wir jetzt nicht mal wischen." Ich schaue zu ihm hoch, den Aufnehmer schwingend. "Wenn wir das jetzt wieder in Ordnung bringen, ermächtigen wir uns über das Chaos. Ermächtigung kommt von Macht. Aufräumen ist eine Vorform des Faschismus."
"Hartmut!" sage ich und werfe einen Lappen nach ihm.
Dann jault es im Bad los.
Eine laute, trillernde Musik in unbekannter Sprache, vielleicht in 4/4, aber wenn, können unsere Ohren das nicht erkennen. Dann wird gesungen. Schief.
Hartmut sieht zum Bad, dann lächelt er und lässt sich ein wenig tiefer in den Stuhl sinken.
"Letschko singt", sage ich und zeige mit dem Daumen hinter mich.
"Ja", sagt Hartmut und wippt mit dem Kopf.
"Weswegen war er noch gleich hier?", frage ich.
"Er repariert die Waschmaschine", sagt Hartmut.
Letschko singt immer lauter, die Wohnung zittert, die Kassette leiert ein wenig, als sei die Musik für das dünne Magnetband zu schwer. Auf dem Höhepunkt macht es "klick", Letschko kommt mit seinem Eimer in die Küche, kippt die Brühe in die Spüle, grinst wie ein Werbeträger für Haselnussaufstrich und sagt: "Trocken!" Dann sieht er auf den Küchenboden und schmatzt mit den Schuhen. Wir schweigen eine Runde.

Es ist ja auch nicht klar, wie die Schuld verteilt ist. Letschko zeigt rüber ins Bad. "Muss Maschine mitnehmen", sagt er. Auf dem Küchenboden schwimmt ein Seifenauge.
"Ja", sagt Hartmut, der heute wohl nicht mehr viel Initiative zeigen wird.
"Wollen vorher essen?" fragt Herr Letschko, wartet keine Antwort ab und geht zum Kühlschrank. Als er die Tür öffnet, geht das Licht aus.
"Ja, herzlichen Glückwunsch", sagt Hartmut, dessen Kopf im ersten Moment nur noch wie ein Kreis mit Büschen aussieht. Draußen dämmert es bereits. Die Luft ist dunkelblau. Es kommt mir vor, als sei Herr Letschko schon seit heute Mittag hier gewesen.
"Sicherung?" fragt Herr Letschko, für den Überschwemmungen und Stromausfälle anscheinend ganz normale Schritte im Arbeitsprozess sind.
"Im Hausflur", sagt Hartmut und hebt langsam den Finger. Ich merke ihm an, dass er darüber nachdenkt, ob streng genommen nicht schon jede Bewegung den Willen zur Macht in sich trägt. Wenn er weiter so nachdenkt, sitzt er bald nur noch still.

Herr Letschko geht durch den Flur zur Wohnungstür, stößt etwas um, öffnet die Tür und friemelt im Hausflur den Sicherungskasten auf. Ein winziger Ball von Licht streckt sich zur Hälfte in die Wohnung; Herr Letschko hält sich ein Feuerzeug vor die Nase. Es knackt und das Licht springt wieder an. Der Plastikkasten wird geschlossen. Letschko kommt zurück. Er stellt sich einen Moment ans Fenster und singt. Eine Minute lang. Er singt die Trillermelodie von seiner Kassette, es ist ein Tenor, der so klingt wie die Reportagen über den Osten, wo die Häuser verwahrlosen und alte Frauen ohne Zähne aus kleinen Läden kommen, wo es nur noch trocken Brot und Wodka gibt und sie sich dennoch so frohgemut und entschlossen bewegen, als wären sie junge Westlerinnen, die gerade im H&M Nietengürtel gekauft haben. Ich überlege, ob ich den Mann unterbrechen soll.

Hartmut tut nichts, Hartmut nimmt hin.
Es läuft die Uhr.
Herr Letschko wird nach Stunden bezahlt.
Kurz bevor ich etwas sagen kann, stoppt der Mann seinen Gesang und dreht sich wieder zu uns um. "Bei uns Musik ist Grundnahrungsmittel. Wie Atmen", sagt er und geht wieder zum Kühlschrank, um nun aber endlich etwas zu essen zu machen. Mit einem dumpfen Vakkuum-Schmatzen öffnet sich die Tür und der Strom fällt wieder aus. Letschko steht einen Moment still, erstaunt wie ein Kaninchen vor der Schlange. Ich frage mich, ob zutrifft, was ich denke und Hartmut spricht es aus: "Da haben wir es. Das Paradox im eigenen Haus. Der Strom fällt aus, weil das Kühlschranklicht angeht. Ans Kühlschranklicht kommt man aber nur, wenn man die Tür aufmacht, also das Kühlschranklicht angeht. Wir sind im Eimer." Hartmut ist wieder nur ein Kreis mit Strichen, als er das sagt. Letschko geht zum Sicherungskasten. Das Feuerzeug. Das Knacken. Licht springt an. Das ständige Aus und An macht Flecke vor den Augen. Herr Letschko räuspert sich: "Können Kühlschrankstecker ziehen!" Hartmut seufzt. Ich weiß nicht, wer es hier mit wem schwerer hat. Herr Letschko muss sich wie ein Herbergsvater fühlen. Ich spüre, wie er uns fragend ansieht und antworte, weil Hartmut wieder in Starre ist: "Die Steckdose ist hinter der Küche."
Letschko atmet.
"In der Mitte."
Letschko guckt.
"Da, wo man nicht rankommt, ohne die ganze Küche abzubauen."
Letschko sieht wieder auf.
Wären wir Konzertveranstalter, würden wir wahrscheinlich die Bühne direkt vor dem einzigen Ausgang bauen. Herr Letschko seufzt, dreht sich um, rüttelt an der nur lose aufgelegten Arbeitsplatte unserer Küche und hebt sie mit seinen Baumstamm-artigen Armen nach oben.

"Hey!" ruft Hartmut und springt plötzlich auf, all seine Vorsätze über bewusste Machtlosigkeit über Bord werfend. Er hebt sogar seine Stimme. Herr Letschko hält inne, die riesige Platte halb in der Luft. "Wollen Stecker ziehen oder nicht?", sagt er und ich beginne, seine Konsequenz zu bewundern. Ein Mann muss tun, was getan werden muss.
"Aber...", sagt Hartmut, der langsam wieder Konturen bekommt und ich berühre ihn sanft am Arm und helfe Letschko, die Platte abzunehmen. Sie wiegt mehr als ein U-Boot im Falklandkrieg. Ich trage etwa 1% ihrer Last, mehr hänge ich daran, als dass ich helfe. Letschko stellt sie ab und schaut in die nun offenen Unterschränke. Eine Spinne springt aus einem Topf und verkriecht sich fluchend. Es gibt keine Löcher in den Rückwänden und die Ritze zwischen Wand und Schränken ist so dünn, dass nicht einmal E.T. mit seinen knöcherigen Fingern von hier oben an die Steckdose käme. Letschko fährt sich mit den Händen durchs Algenhaar, so dass ein paar Schuppen im Glitzerton daran hängen bleiben. Dann fährt er mit dem Finger über die Linie, wo die Unterschränke sich treffen, beugt sich ein wenig nieder und zerrt an dem mittleren Schrank. Die Töpfe klappern. Etwas knackt. Hartmut macht den Mund auf und sieht mich Hilfe suchend an. Er will wohl, dass ich es bin, der den großen Mann dort in die Schranken weist, weil er heute auf Macht-Diät ist. Aber ich denke gar nicht daran. Letschko tut, was Letschko tun muss. Wir ziehen den Topfschrank aus seiner Nische. Besser: Letschko zieht ihn aus seiner Nische und ich berühre ihn dabei. Es sieht aus, als würde Godzilla ein Reihenhaus aus einem Straßenzug zerren. Dann steht es da und hinter ihm sehen wir die Steckdose. Sie zittert, weil sie entdeckt wurde. Letschko beugt sich zu ihr, Fliehen kann sie nicht, also hält sie noch ein wenig dagegen, als er den Stecker zieht, hat aber keine Chance. Der Kühlschrank verschluckt sich und ist still.


Ich gehe in den Hausflur und stelle die Sicherung hoch, es wird Licht und wir sehen Hartmut, der wieder im Stuhl hängt, als sei seine zwischenzeitliche Aktivität nur ein Traum gewesen. Letschko dreht derweil die Birne im Kühlschrank heraus und bleibt noch einen Moment mit dem Kopf im Gerät stecken, leise sprechend. Ich muss daran denken, wie Susanne damals in der Spülmaschine steckte. Vielleicht ist Hartmut ja deshalb so passiv. Nicht, weil er den Willen unterlaufen muss, sondern weil er will, dass Susanne hier beim Reparieren der Geräte die Wohnung auseinander baut und kein gigantischer Mann aus dem Osten, der Algenhaare hat.

Letschko kommt wieder aus dem Kühlschrank, mit einem Lächeln und ein paar Scheiben Käse. Dann geht er zum Sandwichtoaster und fährt dort fort, wo Hartmut vorhin aufgehört hat. Unter seinen Händen teilen sich die Tomaten in dünne, präzise Scheiben. Hartmut seufzt.
"Habe Haus fast voll", sagt Letschko vergnügt, als wäre die Küche nicht immer noch nass und zur Hälfte auseinander montiert.
"Haus?" frage ich.
"In Polen. An Grenze. Bloß 50.000,- Euro. Muss nicht mehr arbeiten dann."
Ich frage mich, ob Letschko ohne Arbeit leben kann.
"Keine Miete mehr. Nix arbeiten." Die Tomaten, der Käse und ein paar Röstzwiebeln fliegen auf den Toast, als hätte Letschko schon seit Jahren einen Arbeitsvertrag als Sandwichmacher in unserem Haushalt.
"Noch 500,- Euro, dann ist Geld beisammen." Letschko grinst und drückt die Klappe nach unten. Der Käse zischt im Eisen. "Kinder sollen nicht zahlen müssen für alten Vater immer", sagt er. "Alter Vater lieber selbständig."
"Und Essen?", fragt Hartmut leise, als falle es ihm schwer.
"Garten", sagt Letschko. "Groß wie Fußballfeld. Gemüse und Obst. Alles gut."

Yannick nimmt Anlauf und springt aus dem Wohnzimmer über den nassen Boden hinweg Hartmut in den Schoß. Er rollt sich ein, Hartmut streichelt ihn. Katzen streicheln ist wohl als Aktivität akzeptabel.
"Du nicht wollen wischen Küche?", fragt Letschko und Hartmut konzentriert sich auf Yannicks Öhrchen.
"Aufräumen ist für ihn zuviel Machtausübung", sage ich und zwinkere mit den Augen. Letschko wird mich ohnehin nicht verstehen. Niemand versteht das, der nicht lange mit Hartmut zusammenwohnt. "Alter Vater von mir haben gar keine Macht. Seien im Heim, lassen unter sich, wollen nichts mehr, nicht mal Kauen. Nicht krank. Einfach nicht mehr wollen", sagt Letschko und sieht Hartmut an wie ein Gelehrter: "Machen Welt auch nicht besser." Hartmut sieht langsam auf, als säße ein kleiner Mann in Letschkos Kopf, den er dort nicht vermutet hatte. Er muss lächeln. Dann pocht es in der Heizung.

Wir drehen uns um. Drei Menschen und ein Kater. Das Pochen kommt aus dem Heizkörper im Wohnzimmer. Es klingt nicht so, wie es klingt, wenn ein Stockwerk über einem jemand an das Rohr klopft. Es klingt eher wie ein Geräusch aus der Tiefe. Als würden die Rohre noch kilometerweit bis ins Zentrum der Erde führen und ganz weit unten, in vergessenen Höhlen, fremde Wesen Klopfzeichen machen. Ich kriege eine Gänsehaut. Yannick miaut. Letschko macht untertassengroße Augen. Hartmut steht langsam auf und gibt mir Yannick in den Arm, der keine Nassen Pfoten kriegen soll. Sachte gehen wir ins Wohnzimmer. Das Klopfen folgt einem gewissen Muster. Es ist nicht wirklich ein Rhythmus, aber es folgt definitiv mehr als nur dem Zufall. Wir hocken uns vor die Heizung wie vor einen Kamin. Als ich mich hinsetze, fühlt es sich wie unter Wasser an. Yannick springt aus meinem Arm und hockt sich ein wenig abseits vor die Couch. Ich denke daran, dass Tiere in Horrorfilmen immer entscheidende Vorahnungen haben. Es klopft.
"Ist Wasserproblem", sagt Letschko und beugt sich nach vorne, da das Rohr zur Heizung ungünstig hinter dem Fernseh- und Playstation-Tisch verschwindet.
"Nicht", sagt Hartmut und fasst den Mann am Arm. "Das ist eine Botschaft!" Letschko sieht ihn an wie einen Jungen auf der Kirmes vor der Wahrsagerbude. Ich denke mir, dass er nur noch ein paar Stunden bleiben muss, um sein Haus in Polen zusammen zu haben. Letschko wird nach Stunden bezahlt. Hartmut horcht. "2... 3..., wartet Mal." Hartmut nimmt sich einen alten Kniffelblock und einen Kuli von der Ablage hinter der Couch. Er kritzelt herum. Er atmet schneller. "Das ist... horch Mal. Das ist immer 2 und 3. Dreiundzwanzig." Ich seufze. Letschko lauscht: "Ist nicht. Eben war vier."

"Das war nicht vier", sagt Hartmut, "das war noch der letzte Schlag von der 3 und dann der erste von der 2." Letschko schaut zu mir herüber. Ich zucke mit den Schultern.
"Das heißt 23. Oder 5. Wie man will. Das kann kein Zufall sein!"
Es ist für manche schwer zu begreifen wie jemand, der als einziger Student in Deutschland Marx und Kant komplett ausgelesen hat, auf Verschwörungstheorien über die Zahl 23 abfahren kann, aber Hartmut ist eben Hartmut. Hartmut kann sogar eine Vinaigrette zubereiten und kommt trotzdem nicht von Pommes Spezial weg.

"Wer sollte uns denn durch die Heizung ein Zeichen geben wollen?" frage ich.
Letschko sieht zwischen uns hin und her als überlege er das erste Mal, sich den Rest seines Häuschens vielleicht doch noch woanders zu verdienen.
"Ist das nicht schaurig?", sagt Hartmut. "Als klopfe jemand von außen an unsere Welt an. Hinter der Scheibe." Hartmut schüttelt sich.
"Ist bloß Wasser!" sagt Letschko noch mal und krümmt sich wieder über den HiFi-Tisch zum Rohr.
"Nein, heute war genug Wasser!" sagt Hartmut und hält den künftigen Hausbesitzer in Polen wieder fest. Es klopft lauter und schneller, wie ein Kind, das nicht will, dass die Eltern sich streiten. "Psssst!", sagt Hartmut. Dann ist es wieder kurz still. Ich denke an den alten Boiler unten im Keller, den noch nie jemand untersucht hat. An die Türen, die nirgendwo hinführen. Vielleicht ist es doch nicht bloß Wasser.

Mittlerweile ist es draußen stockdunkel. Das Wohnzimmer spiegelt sich in der Scheibe. Und ein Gesicht. Eines, das nicht zu uns gehört. Wir schreien alle drei auf, sogar Letschko kann es sich nicht verkneifen. Eine Hand erscheint neben dem Gesicht und winkt. Das Gesicht sitzt auf Hans-Dieter. Hartmut macht das Fenster auf, die gespiegelte Wohnung biegt sich nach außen und unser Nachbar mit dem Anglerhut ist besser zu sehen.
"Es klopft", sagt Hans-Dieter.
"Seht ihr, er hört es auch", sagt Hartmut.
"Dass wir es hören, war nicht die Frage", sage ich.
Hans-Dieter schaut unserer kleinen Diskussion zu und bemerkt Herrn Letschko. Er wirkt ein wenig misstrauisch.
"Das kommt aus der Wand", sagt Hans-Dieter. "Kommt mal raus, hier hört man's."

Ich stelle mir einen Moment vor, wie es wäre, wenn Hans-Dieter gar nicht Hans-Dieter ist, sondern nur ein Wesen in seiner Haut, das uns rauslockt und verschlingt.

Der Videorekorder zeigt schon 1:00 Uhr. Ich habe nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Vielleicht hat Letschko sie beschleunigt, wegen seines Hauses. Hartmut hustet und steigt aus dem Fenster, statt sich die Mühe zu machen, aus und um das Haus zu gehen. Letschko und ich folgen ihm. Der Mann übersteigt die Fensterbank wie andere ein Gartenmäuerchen. Yannick bleibt auf der Couch sitzen und miaut.

So stehen wir also vorm Haus, die Hände in den Hüften und starren die Wand an. Sie ist dreckig und von Rissen durchzogen, in denen sicher viele Maden leben. Für sie ist die Wand der Boden und die Furchen sind Autobahnkreuze. An ein paar Stellen beult sich der Putz. Es klopft.
"Hört ihr?", sagt Hans-Dieter und Letschko dreht seinen Kopf, so dass sein großes Ohr parallel zur Wand steht. Es klopft auf 2 und 3, dann auf 1 und 4. Von hier draußen kommt ein Schürfgeräusch hinzu.
"Was meint ihr? Ratten?", fragt Hans-Dieter.
"Müssen groß sein wie Hund", sagt Letschko.
"Warum sollten Ratten die Zahl 23 klopfen?", fragt Hartmut.
"Bitte?", fragt Hans-Dieter, aber ich mache schmale Augen und schüttele den Kopf, damit er nicht nachhakt.
"Wollen es scheuchen auf!", sagt Letschko, geht einen Schritt zurück und hebt seine breiten Arme wie eine He-Man-Figur.
"Nein!" rufen Hartmut und Hans-Dieter gleichzeitig und Yannick, der bis eben noch wie eine Marienstatue in dem erleuchteten Zimmer gesessen hat, springt hinter die Couch. Dann gehen Letschkos Fäuste auf die Wand unseres Hauses nieder. Es dröhnt, als sie auftreffen und an einigen Stellen reißen die Furchen auf und spucken in kleinen Wölkchen Staub aus. Ganze Kontinentalplatten lösen sich und brechen aus dem Putz. Kirsten erscheint quiekend in ihrem Fenster im ersten Stock wie eine Passagierin auf einem schaukelnden Dampfer. Bei Herrn Häußler geht das Licht an. Man spürt Erschütterungen. In der Ferne ertönen Sirenen. Letschko lässt von der Wand ab und wir bleiben still. Yannick hinter der Couch, Kirsten in ihrem Fenster, Herr Häußler, der im Schlafanzug auf seine Terrasse gekommen ist. Es klopft ein letztes Mal, dann klingt es, als wenn sich etwas in die tieferen Regionen der Erde verzieht. Keine Reihe von Ratten, eher ein einziges Ding, dessen Rest noch nachkommt, wenn der Kopf schon lange verschwunden ist. Ich muss mich schütteln. Letschko dreht sich einmal im Kreis, hebt die Hände und sagt: "Alles in Ordnung!"
Mehr nicht.
Die Fenster gehen wieder zu.
Die Nacht beruhigt sich.
Die Sirenen verstummen.

Hartmut, Hans-Dieter und ich sehen ihn an. Er schaut zurück, die Algenhaare auf der Stirn, lächelnd.
"Manchmal du musst dem Putz hauen", sagt er und steigt wieder in die Wohnung.

Herr Letschko bleibt bis 5:00 Uhr.
Er baut die Küche wieder zusammen und versiegelt die Ritzen mit Silikon, reinigt den Boden und verfrachtet die Waschmaschine nahezu alleine in seinen Transporter. Wir berühren das Gerät dabei an den Kanten, während wir nebenher laufen.
Dann hat er sein Haus in Polen beisammen.
Hartmut zahlt bar, da er neulich einen eMail-Beratungskunden hatte, der sich von ihm eine Habilitation schreiben ließ. Inklusive Schweigegeld war das einiges wert. Er ist jetzt Professor in Zürich.

Es dämmert zum Morgen, als Letschko mit uns in der Tür steht und uns die Hand gibt. "Danke für Nacht", sagt er und lächelt.
"Viel Spaß in Polen", sagt Hartmut und macht fast eine leichte Verbeugung vor dem Mann.
"Ja, Polen ist offen", sage ich und bereue den Witz gleich wieder. Letschko schaut kurz, dann lacht er, wie einer lacht, der die regionale Kultur nicht versteht.
"Waschmaschine ich bringe Montag vorbei. Auf dem Weg nach Polen."
Wir nicken. Yannick streift um unsere Beine.
Dann gehen wir hinein.
Im Hausflur guckt Hartmut auf seine Füße, als wir zur Wohnungstür gehen. "Hast du sein Kennzeichen gesehen?", fragt er. Ich schüttele den Kopf.
"Die Nummer war 23."
Ich will gerade zur Predigt ausholen, als ich sehe, wie er grinst. Ich knuffe ihn. Wir lachen.

Dann setzt er sich aufs Klo und liest Nietzsche.

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