DIE UNBEWEGTE FRAU


"Und?", fragt Hartmut, als Jorgen wieder an unseren Tisch kommt und an seinem giftgrünem Cocktail zieht.
"Wieder nichts", sagt er. "Sie geht Kiten. An der Nordsee. Dabei hört sie Hardrock.
"Hardrock?"
"J
a. Von Winger bis Queens Of The Stone Age, sagt sie."
"
Das ist derb", sagt Jörgen.
"
Und schamlos", sage ich. "Winger, also wirklich..."

Wir sind im Riff, einer Bochumer Disco, und suchen nach einer Frau für Jörgen. Er hat sich einen ganz bestimmten Typus in den Kopf gesetzt und seit drei Wochen suchen wir nun schon ohne Erfolg. Es hat Hartmuts Ehrgeiz und Neugier geweckt. Er will herausfinden, ob die These stimmt, die er nach zwei Wochen unserer Suche aufgestellt hat und es die Art Frau, die Jörgen sucht, wirklich überhaupt nicht mehr gibt. Er beendet seinen Drink, klopft auf den Tisch und sagt: "Wir suchen an den falschen Orten."
"
Hartmut", sagt Jörgen, "das ist eine Disco. Eine stinknormale Disco. Hier läuft die Top 40."
"
Ja, und trotzdem gehen die Frauen mit Josh Homme im iPod kiten."
"
Wo sollen wir denn noch hin?", fragt Jörgen.
"Ins Reisebüro", sagt Hartmut. "Gleich morgen früh."
"Dann sollten wir sehen, dass wir ins Bett kommen", sagt Jörgen und wir brechen auf, gehen die Treppe hinab, passieren einen jungen Mann, der schüchtern die Discoplakate mit kleinen Ankündigungen eines Kulturabends überklebt und treten ins Freie. Vor der Tür spricht Jörgen noch schnell ein Mädchen an, das rot lackierte Nägel hat und Lipgloss trägt. Schnell stellt sich heraus, dass sie einmal im Jahr Bergsteigen geht. "Was sie dabei hört, habe ich gar nicht erst gefragt", seufzt Jörgen. Dann schlendern wir zur U-Bahn.

Alles fing damit an, dass Jörgen auf unserer Couch saß, versonnen Ape Escape spielte und sagte: "Ich will eine Durchschnittsfrau. Eine, die kein Tattoo trägt, keine ausgefallenen Hobbys hat und bei Nirvana immer noch an den buddhistischen Heilszustand denkt und nicht an Kurt Cobain. Eine, die ahnungslos ist. Die nur Radio hört. Die bei Hobbys" Lesen, Freunde, Schwimmen" angibt und wenn man sie fragt, was sie liest, zeigt sie einem John Grisham und die neueste Ausgabe einer Frauenzeitschrift. Eine, die weder Ehrgeiz hat noch eine dieser Loserinnen ist, die sich extra wie kleine Gören benehmen und dazu Tarantino-Filme sehen. Eine, die jetzt schon aussieht, als lege sie für die Kinder die Sachen zusammen und sage jeden Morgen "Tschüss Schatz" und jeden Abend "Hast du die Eier mitgebracht?’" Jörgen manövrierte seinen Affen auf der Playstation ins Ziel und legte das Joypad auf die Knie. "Das muss es doch geben, oder?"
Wir nickten, begannen die Suche und blieben bis heute erfolglos.

Jetzt stehen wir in einem Reisebüro in der Innenstadt, ein richtig gesichtsloses Teil, eingeklemmt zwischen Klamottenläden für den Tagesgebrauch, Handygeschäften und ein paar Filialen der Bäckerei Kamps, die jedem Gebäude von selbst anwachsen, wenn es seine Haut nicht pflegt. Die Kataloge sehen aus, wie sie schon vor 10 Jahren aussahen und eine Plastikpalme soll neben einem kleinen, runden Konferenztisch Lust auf Urlaub machen. Die junge Frau hinter dem Schreibtisch sieht passend aus. Sie hat halblanges blondes Haar, trägt ein unverbindliches Kostüm, hört leise Radio und wirkt, als wäre sie lieber nach der Schule auf dem Dorf geblieben. In die Großstadt zu gehen nicht, um Karriere im Medienzirkus zu machen, sondern um einen festen Job in einem Reisebüro anzutreten, ist schon mal eine gute Voraussetzung. Wahrscheinlich hat sie früher "Man sieht nur mit dem Herzen gut" in die Poesiealben der Schulfreunde geschrieben, in jedes einzelne, immer denselben Spruch, nie was eigens ausgedachtes. Jörgen spricht sie an: "Hallo!"
"
Hallo!", sagt sie und das ist schon mal ein sauberer Einstieg. Von Jörgen können viele Männer lernen. Kein Heckmeck. Sachlichkeit und Knappheit. "Hallo!" So muss man das machen.
"I
ch möchte gerne einen Urlaub buchen."
"
Was darf's denn sein? Süden? Norden? Meer? Berge? Deutschland? Ausland?"
Jörgen sieht kurz an die Decke, schaukelt auf dem Stuhl herum und sagt: "Irgendwas Normales, Spanien, Hotel, pauschal, Pool, Strand, Sie wissen schon." Die junge Frau lächelt und streicht sich das Haar hinter's Ohr. Dann steht sie auf und nimmt zwei Kataloge aus dem Regal. Jörgen beugt sich vor. "Wissen Sie, ich bin in Sachen Urlaub sehr langweilig. Heutzutage wollen alle immer nur extrem sein. River Rafting in Colorado, Tiefseetauchen am Great Barrier Riff, Fallschirmspringen in Usbekistan. Mir reicht ein Pool, ein Hotel und ein Buffet mit Frühstücksei."
"
Kann ich gut verstehen", sagt die Reiseverkehrskauffrau und Hartmut und ich horchen auf. "Niemand will mehr Pauschalangebote. Spezial ist die Regel geworden. Man müsste die Begriffe tauschen", sagt die Frau und lacht. Ich sehe, wie Jörgen Hoffnung schöpft.
"
Wo kommen Sie her?", fragt er.
Sie streicht wieder ein Haar weg. Das ist auch gut. Neben ihrem Schreibtisch steht eine Handtasche. Haar wegstreichen und Handtasche. Sollte sie wirklich der Durchschnitt sein, den Jörgen so dringend sucht? Ein Pauschalangebot?
"
Wieso fragen Sie das?"
"
Weil ich irgendwie den Eindruck habe, dass wir uns kennen."
Hartmut macht ein leises Hustengeräusch vor den Prospekten. Ganz üble Masche. Aber wenn sie drauf eingeht"
"
Aus Hattingen", sagt sie. "Quasi vom Dorf."
"I
st ja ein Ding", sagt Jörgen. "Ich auch!"
"
Meine Freundinnen sind schon alle weg", erzählt sie, nimmt sich einen Kaffee aus einem Automaten und bietet Jörgen ebenfalls einen an. "Berlin. Hamburg. München." Sie spricht diese Metropolen spöttisch aus. "Aber was erzähle ich ihnen das alles."
"I
st schon gut", sagt Jörgen. "Ich weiß, was sie meinen. Alle glauben, sie müssten etwas werden. In die Medien gehen..."
"
Ja!", lacht sie, als fände sie einen Gleichgesinnten. "Die hocken jetzt alle halb auf der Straße. Dann doch lieber was Sicheres." Was für ein Satz. Ich glaube, wir haben sie endlich gefunden. Jörgens Frau. Ich schiele herum, ob sich an ihr irgendwo ein Tattoo aus dem Kostüm drückt, und sei es nur ein kleines japanisches Zeichen. Nichts. Das Radio dudelt Shakira.
"
Ich mache lieber meinen Job hier im Reisebüro und gehe dann abends zu meinen Echsen."
Für einen Augenblick ist Stille. Jörgen schielt zu uns herüber und Hartmut kratzt sich am Ohr, als frage er sich, ob nur er die Echsen gehört habe und sie gleich vielleicht schon wieder aus seinem Gehörgang fallen.
"
Echsen?", fragt Jörgen.
"
Ja. Meine Freundin und ich züchten sie. Ganz wunderbare Tiere. Klug, ruhig, achtsam und sehr alt. Durch sie haben wir Verbindung zu den jüngsten Tagen der Erde."
Jörgen stellt seinen Kaffee ab, den er ohne zu trinken in der Hand gehalten hatte und sagt: "Mein Telefon geht, sorry!" Dann greift er sich an die Hose und steht auf. "Vibrationsalarm!" Er flüchtet, wir folgen ihm. Auf der Straße geht er drei Schritte weiter zu Kamps und stellt sich in das gelbe Bäckerlicht, während Leute mit Brötchentüten um ihn strömen wie Meerwasser um ein Kliff. Die Kasse bei Kamps wird zwischen den Kunden gar nicht mehr zu gemacht. Es rattert unaufhörlich. Jörgen zeigt zum Reisebüro zurück. "Was soll ich schlimmer finden? Dass sie eine Freundin hat oder dass sie Echsen züchtet?"
Hartmut legt ihm einen Arm auf die Schulter.
"
Mein Gott, früher haben nur schwarzhaarige Mädels Echsen gezüchtet, die überall rote Kerzen und schwarze Wachstischdecken haben und den ganzen Tag Umbra Et Imago hören. Gibt es denn keine langweiligen Frauen mehr?"
Eine Passantin um die 60, die schon drei enttäuschende Ehen hinter sich hat, sieht zu uns herüber. Jörgen hüpft schnell hinter einen Kampskunden.
"
Die Zeitung!", sage ich. Hartmut und Jörgen sehen mich an. Ein Mann mit hoher Stirn kauft Nusskuchen.
"
Die Gratiszeitung aus dem Briefkasten. Da sind Kontaktanzeigen drin. Dauerwellen. Steuergehilfinnen."
"
Es gibt mir zu denken, dass wir nur in Klischees denken", sagt Hartmut und kauft einen Fanblock.
"
Nein, die Idee ist gut", sagt Jörgen. "Sind die Anzeigen denn echt? Ich meine, da stecken jetzt keine Sexseiten dahinter oder so was?"
"
Es steht auszuprobieren", sage ich.
"
Da", sagt Hartmut, beißt von seinem Vollkorn-Rosinen-Nuss-Klotz ab, überquert die Fußgängerzone und betritt einen Hauseingang, der nicht abgeschlossen ist, da vier Arztpraxen im Haus stecken. Unter den Briefkästen im Eingangsbereich liegt ein achtlos dahin geschluderter Haufen aus Werbeprospekten und der Lokalzeitung. Hartmut hebt sie auf und zitiert. "Annika, 26 Jahre, Traumfigur, sucht treuen Mann zum Träumen, Spazieren, Kuscheln und mehr. Ich sehne mich nach Vertrauen und Liebe und möchte dich gerne kennen lernen. Ich mag die Natur, Kino und Tanzen." Er hält uns das Bild hin. Nichtssagend. Mit Dauerwelle. Die Augen stehen einen Hauch zu weit auseinander, wie bei Yvonne Catterfeld. Es wirkt wie ein Phantombild."
"
Rate mal, was sie ist", sagt Hartmut und verkündet es, bevor wir antworten können:
"
Steuergehilfin!"
Eine Stunde später sitzt Jörgen an unserem Küchentisch und schreibt einen Brief an die Chiffrenummer der Kontaktanzeige.

Wenige Tage später sitzen Hartmut und ich im Wohnzimmer und sehen die neue Werbung eines Klingeltonanbieters. Es ist eine Imagekampagne. Kein Bildschirm mit blinkenden Nummern, dem Crazy Frog und Sparabo-Terrorismus, sondern ein kleiner Film, in dem coole Menschen sich zum Klingelton bekennen. Junge Männer, die aussehen, als würden sie Musikmagazine lesen. Ältere Männer, die als Manager durch die Welt reisen und sich allein auf dem Hotelbett einen Spaß daraus machen, neue Töne herunter zuladen.
"
Das ist der Grund, warum Jörgen keine durchschnittliche Frau kriegt", sagt Hartmut. Ich frage ihn lautlos, wie er das meint, in dem ich mich nach vorne beuge, einen Chip aus der Tüte nehme und warte, bis er weiterredet.
"
Die verkaufen jetzt Klingeltöne an Klingeltonhasser, in dem sie den Klingeltonhassern sagen, dass sie sie doch verstehen. Als stecke der Wille zum Klingelton in uns allen, während manche halt nur eine Erlaubnis brauchen."
"
Gute Masche", sage ich und kaue knackend Kartoffelkräcker.
"
Ja, und deshalb gibt es keine Reiseverkehrskauffrauen mehr, die nur Top 40 hören und sich für Pferde und Mode interessieren. Die Modefirmen haben jetzt einen Killerzwerg als Maskottchen. Mit SM-Maske."
"
Es ist ein großes Elend", sage ich und starre auf den Fernseher. Soeben jubelt ein Mann, weil er auf eBay einen zwei Meter großen Roboter ersteigert hat, der aus seiner Kiste steigt, während Styroporflocken von ihm abtröpfeln.
Das Telefon klingelt. Jörgen ist dran. Ich stelle laut.
"
Ratet mal, wo ich gerade stehe!", ruft er und es stürmt im Hörer.
"
Auf der A1?", fragt Hartmut.
"
Auf einem Bungeeturm", jammert Jörgen.
"
Wieso denn das?"
"
Sie sagt, das müsse man ja wohl mal gemacht haben."
"
Sie?"
"
Rebecca. Aus der Kontaktanzeige."
"
Haaaaaaaaaallo, ihr zwei!", ruft Rebecca aus dem Hintergrund in den Hörer und es klingt ein wenig hennenhaft. Ich stelle mir vor, wie der faule Jörgen mit seinen gutmütigen Glupschaugen an der Absprungkante eines Bungeeturms steht, die Dauerwellenrebecca aus dem Steuerbüro hinter sich und keine Chance zu entkommen.
"
Sie sagt, so testet sie immer ihre neuen Freunde!", ruft Jörgen.
"
Schau mal, Schatz!", kiekst Rebecca und ich vermute, dass sie einen Camcorder in der Hand hat.
"
Sie sagt jetzt schon Schatz", flüstere ich und Hartmut runzelt die Stirn. "Das ist gar nicht gut", sagt er. "Wenn das so früh anfängt, sind sie besitzergreifend wie Erdmännchenweibchen."
"
Ich will nicht springen!", ruft Jörgen. Ich will doch nur ein ruhiges Leben mit einer unmotivierten, langweiligen Frau, die jede Woche einmal über Nichtigkeiten streitet, Telenovelas guckt und sich für diese Leidenschaft entschuldigt und immer noch Maxi-CDs von Chartsongs kauft."
"
Die Happy sind toll!", ruft Rebecca ins Handy, "die höre ich immer beim Springen."
Jörgen ächzt.
"
Jetzt spring schon", sagt Hartmut.
"
Aber..."
"
Bring es hinter dich."
Jörgen sagt nichts, der Wind pfeift. In der Ferne jubeln Leute am Boden. Bei uns im Fernseher springt eine Fachverkäuferin aus dem Geschenkeladen von einer Rockbühne in die Menge und macht Crowdsurfing. Es ist Werbung für Tampons. Niemand in der Menge schwitzt.
"
Es ist eine unfaire Welt", sagt Jörgen, gibt sein Handy ab und springt. Wir hören Rebecca "Juchu!" jubeln. Dann ist der Ton weg.

Jörgen hat Rebecca verlassen, als er beim Bungeespringen unten ankam. Er meinte, der Flug hätte für diese Entscheidung zeitlich ausgereicht. Dann sprach er erst mal nicht mehr von Frauen.
Doch jetzt, wenige Wochen später, betritt er mit einem jungen Exemplar im Schlepptau den Garten, in dem ich arbeite, während Hartmut mit Ernst Bloch in der Hängematte liegt und Yannick mit geschärften Krallen die Bäume hinauf klettert.
"
Hallo Jungs", sagt er, das ist Sonja. Die junge Frau nickt uns zu, höflich, aber kalt wie ein Kefir. Ihr dunkelblondes Haar und ihre Kombination aus Jeans und Oberteil wirken so beliebig wie ein moderner Opel; statt einer Handtasche trägt sie einen dieser winzigen Rucksäcke mit sich herum, die selbst auf schmalen Rücken aussehen, als klebe eine Makrone mit Gurten am Rückgrat. Sie setzt sich an den schmierigen, runden Gartentisch und legt die Hände auf die zusammengekniffenen Beine. Hartmut dreht sich in seiner Hängematte zu ihr wie ein Schiffskapitän, der eine Dame an Deck hat. "Einen Drink?", fragt er und bekommt augenblicklich einen Viertagebart dabei.
Sonja sieht ihn an und schüttelt lächelnd den Kopf. Jörgen kommt zu mir, während ich eineinhalb Meter hohe Brennnesseln ausrupfe.
"
Ich habe sie gefunden", flüstert er und seine Augen leuchten.
Ich rupfe und werfe einen schnellen Blick zum Tisch, an dem Sonja aus der Hängematte heraus von Hartmut bequatscht wird. Jörgen wackelt mit dem Kopf herum, seine Füße schürfen im Unterholz: "Sie ist perfekt. Keine besonderen Interessen. Liest, isst, spaziert. Rate, was sie liest?" Ehe ich antworten kann, zählt Jörgen auf: "Dan Brown, Hera Lind und den Dalai Lama. Ratschläge des Herzens. Aus dem Bücherclub. Und was das Beste ist: Sie nimmt keinen davon an. Pass auf!"
Jörgen reißt sich von mir los, geht zu seiner Frau, die mit Hartmut einen Small Talk führt, dessen Sprechanteil zu 90% bei ihm liegt, nimmt ihre Hand und sagt: "Sonja, ist das okay, wenn ich hier bei den Jungs bleibe, und du fährst wegen der Schuhe eben alleine in die Stadt? Sie brauchen Hilfe, du siehst ja, wie hoch die Brennnesseln stehen." Sonja sieht zu ihm auf, die Hand bewegungslos in seiner, und man kann sehen, wie Brennnesselextrakt nun um ihre Iris herum funkelt. Sie denkt, dass das ja nun wieder typisch Mann sei und ob er mal darüber nachgedacht hätte, dass der Weg von hier über Bus und U-Bahn alleine unangenehm sei, aber dass er natürlich gern bei seinen Kumpels bleiben könne; man hätte ja beide seine Freiheiten, das habe er ja schon am ersten Abend klargestellt, Hauptsache Freiheiten, und dann gehe sie nun eben und wünsche viel Spaß. Alles das denkt sie, aber sie sagt es nicht, sondern steht nur auf, seufzt so unhörbar wie die kleinen Käfer, die sich in den Baumrinden vor Yannicks Krallen verstecken müssen und geht langsam aus dem Garten. Jörgen sieht zu mir rüber, als sähe ich das Schauspiel nicht, geht ihr dann ein paar Schritte nach und klagt: "Sonja!", wie Männer eben klagen, wenn Frauen schweigend die Szenerie verlassen. "Sonja!" Ich merke förmlich, wie viel Spaß er an der Situation hat. Alle Frauen, die er bisher kannte, wollten nicht mal Schuhe kaufen. Sie hätten mit uns gemeinsam Brennnesseln ausgerissen, dabei die Foo Fighters gehört und sich mit den grünen Stengeln duelliert. Sonja und Jörgen praktizieren noch bis zum Anbau von Hans-Dieter das Verfolg-mich-Spiel, dann bleibt sie in perfektem Timing stehen, stemmt die Arme in die Hüften, legt den Kopf schief und sagt etwas, von dem man von hier aus nur die Betonung hören kann. Sie klingt kieksig und es wird so etwas sein wie "Ja, bleib nur hier. Nein, es ist völlig in Ordnung!" Jörgen erwidert etwas, dann lehnt sich Sonja an die Wand, als hätte sie existentielle Dinge verloren, verschränkt die Arme und blickt mit leeren, milchigen Augen zu den Fenstern des Nachbarn. Jörgen redet noch auf sie ein, aber sie wird nicht mehr antworten. Das Protestschweigen hat eingesetzt. Jörgen lässt sie stehen und kommt zu uns. Hartmut steht neben mir und sieht sich die Sache mit einer Mischung aus Faszination und Befremden an. Wenn seine Susanne etwas sagt, dann meint sie es auch so. Sie macht keine Schuldgefühl-Sätze, verschränkt nie die Arme und schweigt nur, wenn alles gesagt ist.
"
Ist das nicht toll?", sagt Jörgen, als er bei uns ankommt. "Sie schmollt. Das wird jetzt den ganzen Tag so gehen. Dann wird sie mir drei Tage vorhalten, wie egoistisch ich sei. Dann versöhne ich sie, indem ich für sie koche und Kerzen aufstelle. Ich hatte noch nie eine Frau, die so berechenbar war. Es ist ein Geschenk des Himmels."
Sonja sieht herüber, wie Jörgen mit uns tuschelt, schnaubt einmal laut die Nase aus und stößt sich von der Wand ab. Jörgen hüpft: "So, ich muss. Jetzt laufe ich bis zur Haltestelle hinterher und rede auf sie ein, während die Passanten schauen. Vorm Bus macht sie mir dann Vorhaltungen. Im Bus starrt sie aus dem Fenster, während ich an ihrer Hand herum nestele, bis sie ein kleines bisschen lächeln muss. Sie hat 10 CDs, auf einem Regal neben so kleinen Tonfiguren aus dem Geschenkeladen und einer Diddlmaus. Was habe ich für ein Glück." Dann rauscht er ab. Wir sehen, wie die beiden zur Haltestelle gehen. Er redet auf sie ein. Die Passanten schauen.

Eine Woche darauf sind wir bei Jörgen eingeladen. Er wohnt zur Zeit wieder im Studentenwohnheim und als wir das letzte Mal da waren, sahen seine 20m² so aus, wie 20m² eben aussehen, wenn ein Lieferwagen fahrender Kiffer in ihnen wohnt. Keine Deko, überall lose Computerkabel und Milchtüten und so wenig eigene Note, dass immer noch die Möbel vom Studentenwerk das Zimmer bestimmen, als habe er nur eben seine Tasche hinein gestellt. Doch jetzt hat er Sonja. Und Sonja hat umgeräumt. Die Konfektionsmöbel sind unter Tischdecken, Beistelltruhen und einer Bettwäsche verschwunden, die Vorstadtmütter "flott" nennen würden. Vom Bücherregal und sogar von den Hängeschränkchen über der Spüle ranken sich ein paar Pflanzen, die Kabel unter dem Schreibtisch sind mit Plastikstrapsen zusammengebunden und ohne, dass klar erkennbar wäre wodurch, hat Sonja den ganzen Raum in die Farbe jener Lifestyle- und Dekohefte getaucht, von denen man nicht weiß, ob sie eine Zeitschrift oder ein Katalog sein sollen und in denen die Frauen leicht wallende Blusen und große Armreifen aus Holz tragen. Hartmut ist beeindruckt. Sonja steht an der kleinen Küchenzeile und belegt die Teller, während sie sagt, dass Jörgen wenigstens schon Mal den Gästen einschenken könnte. Jörgen tut, wie ihm befohlen und dann gibt es warmes Ciabatta mit Tomaten und Mozzarella.
Beim Essen unterhalten wir uns über das Weltgeschehen. Sonja denkt, dass die Amerikaner wohl nur wegen des Öls im nahen Osten sind, findet Bush unmöglich und "weiß aber auch zu wenig, um mir ein echtes Urteil zu erlauben." Die Überwachung aller öffentlichen Plätze findet sie problematisch, gibt aber zu, dass es der Sicherheit schon hilft und Hartz IV findet sie zwar irgendwo ungerecht, muss aber auch zugeben, dass es sicher genug Leute gibt, die das System bisher ausgenutzt haben. Fleisch isst sie "eigentlich kaum noch, im Prinzip immer weniger" und sie trennt ihren Müll, "obwohl die das hinterher sowieso alles wieder zusammenschmeißen." Sie redet erstaunlich viel beim Essen und ich habe selten eine Frau erlebt, die es schafft, derart vollendet keine Meinung zu haben.
Nach dem Essen räumen Jörgen und sie ab, während Hartmut in einem Spiegel und ich in einer Playstationzeitschrift blättere. Sonja hat Mariah Carey aufgelegt. Jörgen geht kurz ins Bad. Als er wieder herauskommt, schaltet Sonja in den Schimpfmodus.
"
Was ist das denn hier?", fragt sie.
"
Was?"
"
Na das!"
Sie zeigt auf den Teller, von dem Jörgen gegessen hat. Eine halbe Tomate und ein Drittel Mozzarella liegen noch darauf, einsam wie zwei vergessene Ritter in rotweiß. Mariah Carey singt: "I can't live, li-hi-hi-hive/ living here without you!"
"
Die konntest du nicht mehr aufessen?", fragt Sonja und Hartmut schielt über den Rand des Spiegels hinweg, als käme etwas Interessantes im Fernsehen.
Meine Güte!, sagt Jörgen und er zieht das 'Meine' ein wenig aggressiv in die Länge wie mittelständische Firmenbesitzer, die abends nach Hause kommen und sofort von der Frau gefragt werden, warum sie wieder ein Taschentuch in der Jeans zum Waschen gelassen haben. Er genießt es. Man sieht es ihm an. Mariah Carey singt: "I can't live anymore!"
"
Das machst du immer!", sagt Sonja. "Immer! Eine Pommes, ein Brokkoliröschen, ein einziger Bissen vom Brot mit Käse."
"
Ja, mein Gott. Was soll's?", mosert Jörgen.
Sonja sagt: "Das ist wie in deinem Leben. Du bringst nichts zu Ende."
Jörgen bläst die Backen auf und wirft die Arme in die Luft. Es sieht aus, als jubele er in all dem Ärger: "Fängst du jetzt wieder damit an?"
Sonja wischt den Tomate-Mozzarella-Rest vom Teller in den Mülleimer, stellt den Teller ab, verschränkt wieder die Arme und sagt: "Du liebst mich nicht."
Jörgen macht ein Geräusch, dass wie "Ettzü" klingt und tritt auf der Stelle. Sonja lehnt an der Wand gegenüber der Spüle und starrt auf die Knäufe des Herdes. Und das wird so bleiben. Sehr lange. Sie wird stehen und lehnen und starren, stundenlang, durch Tagesschau, Millionär und das Spätprogramm hindurch. Stehen und Starren wird sie, während Jörgen erst gezielt auf sie einreden, dann mehrfach "Ettzü, Ettzü" machen und schließlich um sie herum aufräumen und sie nur noch gelegentlich mit Spitzen wie "Sag Bescheid, wenn du mit der Wand verwächst" ansprechen wird. Gegen Mitternacht wird sie sich ohne großes Heckmeck von der Wand abstoßen, sich umziehen, ins Bett gehen und leise schnaubend Dan Brown aufschlagen. Jörgen hat sie gefunden, seine Frau. Da wir all das wissen, stehen wir auf, verabschieden uns leise wie Menschen, die kondolieren und verschwinden im Bochumer Abend.
"
Jörgen hat es gut getroffen, was?", sage ich, als wir über die Wiese zum Graffititunnel der U35 gehen. Hartmut dreht sich im Laufen um, sieht noch mal zum Wohnheim zurück, in dessen Leib die einzelnen Fenster wie Knöpfe leuchten, schüttelt den Kopf und sagt: "Da stimmt was nicht. Glaub mir, da stimmt was nicht."
"
Was soll denn da nicht stimmen?"
"
So ist niemand."
"
Doch, so sind Frauen. So können sie sein. Sie hören nicht alle Adam Green und trinken Flaschenbier dazu."
Hartmut schüttelt den Kopf. "Da stimmt was nicht", sagt er noch mal. In der Unterführung zur U-Bahn sprühen zwei schmächtige Jungs eine Kanone auf die Wand.

Eine Woche später, ich kämpfe gerade mit mannshohen Disteln, trottet Jörgen in unseren Garten. Er lässt den Kopf hängen und klopft beiläufig einen dicken Joint ab, so wie andere dünne Lightizigaretten rauchen. Dabei schaut er so glasig, wie Männer schauen, die soviel Durchblick haben, dass sie sich zum Selbstschutz wieder vernebeln müssen. Sonja ist weg. Das darf nicht wahr sein. Sonja ist weg.
"
Sonja ist weg", sagt Jörgen, als seine Füße das Unkraut mit Graszusatz berühren, und ich wünschte mir, ich wäre ein schlechterer Prophet.
Hartmut sieht hinter einem Baum hervor und fragt aufgeregt wie ein Kind, dessen Verschwörungstheorie nun doch wahr war: "Warum?"
"
Hier!", sagt Jörgen und zieht ein zusammengerolltes Frauenmagazin in A5-Format aus der weiten Tasche seiner Beutelhose. Er tippt auf das Heft, dicke Augen machend, mit vom Kiffen belegter Stimme: "Seite 74."
Hartmut schlägt das Heft auf. "Das Experiment geht weiter", steht da und man sieht Sonja als flotte Kolumnistin abgebildet, eine Werbung von Ellen Beatrix unter dem Artikel. "Sie schreibt Kolumnen. Sie trifft Männer, benimmt sich je nach Ausgabe wie eine Göre oder ein Luxusweib oder eine Emanze und dann schaut sie, wie sie mit ihnen umspringen kann."
Hartmut lässt das Heft sinken und sieht uns mit mandarinengroßen Augen an. "Ein Beziehungswallraff", sagt er. "Ich wusste doch, dass da was nicht stimmt."
"
Ein Mal telefonierte sie im Wohnheimflur. Da habe ich es gemerkt", sagt Jörgen. "Ihre Stimme war tiefer und sie sagte plötzlich Dinge wie "Unser Approach ist echt nicht zu toppen" und "Ja ja, ich schaffe es bis zur Deadline. "Außerdem hatten wir ja nie Sex." Jörgen zieht an seinem Joint, seine Augen färben sich rot.
"
Tut mir leid, Mann", sagt Hartmut und haut ihm auf die Schulter.
"
Sollen wir ihr Disteln schicken?", frage ich und halte einen großen Strauß hin.
"
Lass stecken", sagt er und zieht sein Telefon aus der Hose, als der Klingelton von Gang Starr ertönt. "Ja, ich bin hinten im Garten", sagt er und kaum, dass er das Mobiltelefon wieder einsteckt, kommt eine junge Frau um die Ecke, welche die Haare zum Zopf gebunden hat und eine Tarnfleckhose samt eines T-Shirts der Melvins trägt. Sie wirft eine Zigarette auf den Boden, reicht uns die Hände und sagt mit fester Stimme: "Tag, ich bin Sandra."
Wir schütteln ihr die Hand, ich werfe die Disteln weg.
"
Wir gehen jetzt Felle kaufen", sagt Jörgen, "Schlagzeugfelle". Hartmut guckt wie eine Bachforelle. "Sandra spielt Schlagzeug", sagt Jörgen und ich stelle mir vor, wie es klingt, wenn sie schon ein T-Shirt der Melvins trägt, der schwierigsten und exzentrischsten Krachrockband der Welt.
"
Wir laden euch mal zum Konzert ein, wenn wir so weit sind", sagt Sandra, zieht Jörgen spielerisch am Kragen und macht kehrt. Der dreht sich noch einmal zu uns um und flüstert: "Man kann nicht alles haben."
"
Was liest sie?", zischt Hartmut zurück.
"
Dan Brown", haucht Jörgen und lacht.
Man kann eben nicht alles verhindern.

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