RAINER WILL REIN


Mario hat einen neuen Job. Mal wieder. Geld gibt's nicht, aber jede Menge Referenzen. Gute Referenzen, bedeutsame Kontakte und reichhaltiges Catering. Die Flure des Privatsenders sind lang und die Büros geräumig. Ihre Bewohner verkünden ihre Haltung mittels Postern an unverputzten Ziegelmauerwänden, obwohl sie im Prinzip gar keine Haltung haben. Gerade eben stehen wir in der Tür zur Redaktion eines täglich gesendeten Magazins, das gelegentlich über Giftmüllhalden oder Produktionsstraßen berichtet, seine Zeit aber meistens damit füllt, ängstliche Mädchen sehr steile, enge und feuchte Wasserrutschen hinunterzuscheuchen. Die Mädchen spielen die Ängstlichkeit allerdings nur, "damit ein Konflikt entsteht", wie Mario uns erklärt hat. "So'n Wasserrutschen-Beitrag braucht Reibung", hat er gesagt und wie ein Ziegenbock gelacht, "versteht ihr, Reibung?". Ha ha ha. Nur sein Mund lachte und vor allem seine Kehle. Seine Augen waren tot dabei. Tot und wach, denn wo rund um die Uhr produziert wird, schläft niemand körperlich.

Mach bitte meine Mutter, meinen Onkel, meine Schwester und meinen Freund Fabian", sagt jetzt der Moderator der Show zu Mario, der eifrig mitschreibt. Mario ist "Privatkontakteaufrechterhalter", einer der ersten, der in Deutschland diesen Job ausübt. Er verfasst Mails, Briefe, Postkarten und Geschenkpakete für Medienmenschen, die zu beschäftigt sind, es selbst zu tun und das Gejammer ihrer Verwandtschaft und ihres Freundeskreises nicht mehr ertragen können. 'Man hört ja nichts mehr von dir', 'Meld dich doch mal wieder'. 'Hast du meine Mail denn nicht bekommen?' Es ist ein aufwändiger Job, eine echte Marktlücke. Männer wie der Wasserrutschen-Moderator bekommen am Tag bereits 140 berufliche Mails und müssen viel fahren, um Mädchen in die Röhren zu stecken. Wann sollen sie dabei auch noch Privatpost verfassen?
Bei Mutter und Onkel schreib so das Übliche. Viel zu tun, alles in Butter, Wetter könnte besser sein. Bei meiner Schwester etwas formloser und flapsiger, liebevoll und knuddelig, du weißt schon, so'n Schäfchen-Comic-Tonfall." Mario nickt. "Ja, und bei Fabian pack mal ein paar Fragen dazu. Was sein Handballverein macht und sein Sohn. Und ob er Faith No More gesehen hat auf der Revivaltour. Dann hat er erst mal mit Antworten zu tun."
Alles klar, Ibo, mach ich."
Gut, ich muss jetzt los. Wenn was ist, Handy."
Wo seid ihr heute?"
Ort weiß ich nicht, frag Jan. Engste Rutsche Europas. Gibt gute Bilder. Reißt den Mädels am Ende auf jeden Fall die Beine auseinander." Der Redakteur lacht dreckig und verlässt das Büro. Auf dem Flur hastet ein winziges Mädchen im Mando Diao-Shirt in seine Richtung und sagt: "Fährst du schon?"
Ja, wonach sieht's denn aus?"
Der Henrichsen ist schon wieder da."
Dann werft ihn raus."
Er lässt nicht locker. Er hat schon versucht, bei Stefan ins Büro einzudringen."
Wofür haben wir denn den Sicherheitsdienst? Diese Albaner da?"
Dann haben wir morgen die Schlagzeile 'Seven TV lässt führenden Intellektuellen verprügeln'."
Der Wasserrutschen-Moderator seufzt, schaut hinter sich in den Flur, als würde dort eine Lösung in der Mauerfuge sitzen, sieht das Mädchen wieder an und sagt: "Es ist nicht immer alles mein Problem." In seiner Hosentasche vibriert es und in Stereoanlagen-Qualität bittet Lady Gaga ihn nahe seines Schrittes, heute Nacht auf seinem Disco Stick reiten zu dürfen. Er zieht das iPhone aus der Hose, sagt "Hallo?", beginnt das Gespräch und verschwindet dabei grußlos Richtung Ausgang.

Hartmut sieht ihm nach und dann Mario an. Er ist sehr irritiert, über alles hier. Im Konferenzraum hinter den Glaswänden plant eine große Runde gerade eine neue Sommershow. Ängstliche Mädchen sollen sich Bikinis anziehen und vom 10-Meter-Brett springen. Wahrscheinlich hofft man, dass es ihnen beim Aufprall die Beine auseinander reißt. Ein junger Mann zwickt einer Kollegin unter dem Tisch in die Seite. Sie zwickt ihn zurück. Ein PDA-Stift fällt auf den Boden.
Mario klappt seinen Block zusammen. "Es ist eine komplexe Aufgabe", sagt er. "Du musst die Familie und den kompletten Freundeskreis mehrerer Menschen gleichzeitig managen, ohne dass sie es merken. Du musst zu ihrem Sohn werden, ihrem Bruder, ihrem alten Kumpel, der sich gar nicht so sehr verändert hat, obwohl er jetzt ein populärer TV-Moderator ist."
... während der in Europa herumfliegt und die kleinen Mädchen in die Röhren steckt."
Ja", sagt Mario. "Was sollen diese Leute hier machen? Sie arbeiten 16 Stunden am Tag. Und draußen stehen 25 alte Freunde Schlange und glauben, sie könnten allesamt täglich gepampert werden. Eine ganz schöne Anmaßung ist das!"
Hartmut sieht mich hinter dem Rücken Marios an und formt aus seinen Augenbrauen ein V. Er will mich auf das Offensichtliche aufmerksam machen: Mario ist in der Stockholm-Phase. Wie ein Entführungsopfer hat er die Lebenseinstellungen und Prinzipien seines neuen Arbeitgebers einfach übernommen, um nicht verrückt zu werden. Das passiert schnell. Ich halte als UPS-Packer schließlich auch jeden für ein würdeloses Weichei, der es nicht schafft, 50 Pakete in der Minute vom Fließbad in einen LKW-Anhänger zu werfen.
So, und jetzt kümmern wir uns erst mal um den Henrichsen", sagt Mario, klatscht in die Hände und geht den Flur hinab. Wir folgen ihm.

Wer ist dieser Henrichsen?", frage ich.
Ein Intellektueller. Hat früher im Fernsehen große Historiker interviewt und schreibt heute Bücher über die Lage des Landes oder die Verbrechen der Amerikaner."
Nein", sagt Hartmut, "du meinst, DER Henrichsen? Rainer Henrichsen?"
Ja, DER Henrichsen", sagt Mario.
Sapperlot", sagt Hartmut. "Und was will der hier im Studio?"
Der will rein", sagt Mario. "Erträgt sein altes Umfeld nicht mehr. Weiß auch nicht, ist wohl eine Form der Midlife-Crisis. Er nervt uns seit drei Wochen."
Wir sind an der Tür angekommen, hinter der Rainer Henrichsen wütet. Es ist die Tür zur Teeküche. Wobei das Wort hier fehl am Platze ist. Das hier ist keine kleine Kammer mit uralter Spüle und Boiler, wie man sie aus Krankenhäusern oder Ämtern kennt, sondern ein riesiger Raum wie ein Bistro. Teure Kaffeeautomaten mahlen und duften, riesige Körbe mit Brötchen und Süßigkeiten stehen auf Marmorplatten und Teller werden mit einer Brause abgespült, die eineinhalb Meter über dem Spülbecken hängt. Rainer Henrichsen trägt krauses, dichtes Haar und eine sehr breite Brille, gestikuliert aufgeregt und redet anscheinend auf einen Entscheider ein, der sich Kaffee am Automaten zieht und dabei Bountys in sich hineinstopft.
Ich kann Turmspringen", sagt er, "glauben Sie mir doch! Ich war Juniorenmeister im Turmspringen und im Kraulen. Ich habe Muskeln, so schauen sie doch her..." Henrichsen zieht den Ärmel seines roten Hemds hoch und spannt einen kleinen Bizeps an. Der Entscheider ist unbeeindruckt.
Ich habe mit 15 in der Umkleide sogar einen Mitschüler verprügelt. Ich bin Motorrad gefahren. Jetzt schauen Sie doch mal, hier! Ich bin leiblich!"
Der Entscheider nimmt seine frisch automatengefüllte Tasse vom Restflüssigkeitsgitter und sagt: "Herr Henrichsen, und wenn Sie einen Körper wie Batista hätten, wir haben keine Verwendung für Sie. Sie passen einfach nicht ins Schema. Unser Publikum kennt Sie doch überhaupt nicht. Das fragt sich, welcher Vollpfosten da jetzt vom Turm springt."
Batista? Der kubanische Diktator? Hatte der einen so guten Körper, oder was?"
Der Entscheider seufzt. "Sehen Sie, genau davon spreche ich."
Aber... aber... ich könnte doch ins Camp gehen."
Wir haben hier kein Camp. Das sind die anderen."
Oder eine Ranking-Show. Ich mache eine Ranking-Show!"
Und worüber? Die 10 bedeutensten postmodernen Philosophen oder was?"
Oh Mann!" Rainer Henrichsen stampft auf dem Küchenboden herum wie Rumpelstilzchen im Unterholz. "Ich bin es so leid, auf meinen Intellekt reduziert zu werden!"

Hartmut und ich verfolgen das Schauspiel mit Interesse. Was hier in der Küche passiert ist besser als alles, was der Sender offiziell nach draußen flimmert.
Mario geht auf den tobenden Intellektuellen zu.
Herr Henrichsen..."
Rainer Henrichsen reagiert nicht, reißt einen von Cab gesponserten Kühlschrank auf, zieht eine Flasche Pils heraus, öffnet sie und trinkt auf Ex. Die Hälfte geht ihm daneben und verteilt sich auf seinem roten Hemd. "Sehen Sie", schäumt er wie ein Tollwütiger, "ich kann sogar saufen! Ich rauche auch, ab und zu. Ich kann ordinär sein, wenn ich will."
Mario streckt die Arme nach ihm aus. Henrichsen macht vor, wie er ordinär sein würde: "Du Pottsau! Du Hurensohn! Du Sohn eines westfälischen Metzgers!"
Ganz ruhig, Herr Henrichsen!"
Sie könnten mich doch in den Container stecken", sagt Henrichsen.
Der Entscheider, der sich inzwischen an einen Tisch gesetzt hat und sein aus einem Doppel-Latte und zwölf Bounty bestehendes Frühstück zu sich nimmt, hebt kurz den Kopf und sagt: "Den Container machen auch die anderen."
Mario ist bei Henrichsen angekommen.
Der sagt: "Lassen Sie mich Häuser entrümpeln!"
Herr Henrichsen..."
Tätowieren geht auch. Ich erziehe Problemkinder mit der Nanny. Die dürfen ruhig 'Wichser' zu mir sagen, gar kein Problem. Ich fahre das Stock-Car-Rennen mit!"
Der Entscheider prustet Latte aus. Dieser Vorschlag scheint ihm so absurd zu sein, als würde ein Kirgise ohne Hauptschulabschluss die Nachfolge von Reich-Ranicki im ZDF antreten wollen.
Mario sagt: "Herr Henrichsen. Stock-Car-Rennen, Turmspringen, Wok-WM, Eisfußball. Wo denken Sie denn hin. Das ist die Königsklasse."
Aber..."
Nichts aber, Herr Henrichsen. Sie wissen doch, wie's läuft. Sie sind dafür zuständig, die Leute über Guantanamo aufzuklären; wir unterhalten sie. Das ist Arbeitsteilung."
Hartmut flüstert mir zu: "Siehst du, Mario sagt schon 'wir'."
Rainer Henrichsen wirft die Bierflasche gegen die Küchenzeile. Sie zersplittert. Auf dem Flur nähern sich Schritte in schweren Stiefeln.
Ich habe es so satt!", brüllt Henrichsen, "ich bin doch nicht nur ein Kopf! Ich bin doch mehr als mein Gehirn! Apoll hat nicht sein Recht auf mich gepachtet, auch Dionysos gehört mein Dasein."
Der Entscheider schüttelt den Kopf über seinen Bountys. Die Schritte aus dem Flur sind angekommen und werden zu zwei großen Sicherheitsleuten in schwarzen Jacken. Sie sehen die Scherben, sie sehen den Verursacher, sie stapfen auf ihn zu wie Pamplona-Stiere.
Ich verklage sie wegen Diskriminierung! Sie reduzieren mich allein auf meinen Geist! Ich kann Turmspringen! Ich habe ein Gemächt, sehen Sie das? Ein echtes, pulsierendes Glied!" Er will seine Hose öffnen, doch die Sicherheitsleute packen rechtzeitig seine Arme und zerren ihn raus. "Ich gebe nicht auf!", kreischt er noch im Flur. Dann ist er weg.

Eine Woche später wohnen Hartmut und ich der Aufzeichnung einer Show für den Privatsender bei. Sie findet im Maximare statt, einem großen Erlebnisbad in der westfälischen Stadt Hamm. Sie wirkt ein wenig wie die schlechten Viertel von Bochum, aber sie ist Partnerstadt von Santa Monica und das reißt einiges raus. In der Rutsche des Bades werden heute "Die sieben Rutschmythen" getestet und größtenteils widerlegt. Das Bad hat während des Drehs ganz normalen Betrieb und wenn wir Glück haben, sind wir in einer der Einstellungen im Hintergrund als Komparsen zu sehen. Oder wenn wir Pech haben, je nachdem, wie man's betrachtet. Der Moderator Ibo und die Kameraleute sind schon im Bad, weil sie sich nicht umziehen müssen. Hartmut und ich stehen an den Schränken vor den Kabinen und schließen unsere Sachen ein. Ich trage eine rote, weite Badeshort mit weißen Blümchen, Hartmut eine enganliegende Opa-Badehose, in welcher sich sein Geschlecht abzeichnet. Ein paar Schränke weiter kleiden sich die Mädchen um, die gleich in die rote Rutschröhre steigen werden.
Du machst sonst die Achterbahnen, oder?"
Ja. Komme gerade aus Salou in Spanien. Dragon Khan, mächtiges Gerät. Acht Inversionen, genau wie Monte Makaya in Brasilien. Ein Loop, ein Dive Loop, eine Zero-G-Roll, eine Cobra Roll aus zwei Inversionen, noch ein Loop und am Ende ein Interlocking Corkscrew, auch aus zwei Inversionen."
Holla!
Ja, holla..."
Ich mach nur Wasserrutschen. Und ein bisschen Strippen."
Hartmut schließt seinen Schrank ab.
Einen Gang hinter uns diskutieren Teenager, bei denen das nicht so schnell geht.
Ey, nehmt ihr eure Handtücher mit oder was?"
Schließ doch hier mit ein, Mann!"
Ja, wie denn, du Spasti, ich hab doch kein Kleingeld."
Brauchste ja auch nicht, du Kek, ist doch hier mit der Plastikmünze."
Ey, mach mich nicht an, Alter!"
Dann tu hier mit bei mir rein."
Wie, unsere beiden Sachen in einen Schrank? Bist du schwul?"
Während die beiden Gemeinschaftsschrank-Teenager noch diskutieren, tauchen ihre Kollegen bereits hinter den Schränken auf und patschen barfuß Richtung Dusche. Einer der beiden bemerkt die Wasserrutscherinnen und zwinkert ihnen zu: "Na, Kleine, schon feucht?"
Hartmut hält mit der linken Hand immer noch den steckenden Schlüssel in seinem Schrank fest. Die Betrachtung der modernen Welt führt bei ihm entweder zu überstürzten Aktionen oder aber zur Schockstarre. Dazwischen gibt es nichts.

An der roten Rutsche startet 20 Minuten später der Dreh. Zahlreiche Badelandschaftsbesucher haben es mitbekommen, selbst die Schließfachdiskutierer. In tropfenglitzernder Selbstgerechtigkeit stehen sie auf der kleinen Brücke über den Kanal zum Wellenbecken und schauen zum Ende der Rutsche hinüber, als hätten sie das natürlichste Recht auf der Welt, alle anderen zu beurteilen. Moderator Ibo ist in Stellung am Rutschenausgang. Ein Kamerateam steht bei ihm, ein anderes zwei Treppen höher am Rutscheneinstieg. Ein dritter Mann rutscht mit kleiner Linse direkt hinter den Mädchen her. "Rutschenmythos #1" lautet "Rückwärts geht's noch schneller." Das ist natürlich Schwachsinn und niemand hat es bisher behauptet, aber es ist eine gute Möglichkeit für den Kameramann in der Rutsche, dem Mädchen, das vor ihm herrutscht, direkt in den Schritt zu filmen. Mario berichtet uns von den anderen angeblichen Mythen. Unter ihnen befindet sich "Der flotte Dreier - Rutschen in Kolonne?" sowie "Stehenbleiben bei voller Fahrt - Geht das überhaupt?" Bei letzterem Experiment muss die Rutscherin bremsen, sich umdrehen und sich dann so in der Rutsche hinstellen, dass die Kamera flink unter ihren Beinen hergleiten kann. Die Badeanzüge sind pink. Ein sehr helles Pink und sehr dünne Anzüge.

Der Dreh ist gerade in Fahrt, als ein Mann mit massiver Behaarung auf Rücken und Beinen auf die Treppe zur Rutsche zuläuft. Der Aufgang wird von zwei Sicherheitsleuten bewacht, es sind die gleichen, die letzte Woche den Henrichsen aus der Küche des Senders geworfen haben. Und, Moment Mal, der haarige Mann, das ist der Henrichsen! Er nimmt den Kopf zwischen die Schultern und beschleunigt. Er glaubt, so an den Männern vorbeizukommen. Er täuscht sich. Die Securities stellen sich einfach zusammen vor die Stufen. Sie haben ein breites Kreuz. Der Aufgang ist augenblicklich abgeriegelt, als hätten sich zwei Torflügel geschlossen. Henrichsen prallt gegen die Sicherheitsleute, rutscht mit den Füßen auf dem glitschigen Boden herum und plumpst auf den Po.
Ich will da rein!", brüllt er. "Ich kann rutschen! Ich bin aerodynamisch gebaut!"
Die Schließfachjungs tuscheln auf der Brücke und zucken mit den Schultern. Sie sind typisches Publikum des Senders und in der Tat: Sie wissen nicht, wer der Haarige ist.
Mario hebt seine Stimme, als er auf Henrichsen zuläuft. Er muss ein Training in Einschüchterung absolviert haben. So haben wir ihn noch nie erlebt. "Herr Henrichsen, es reicht. Aus!"
Henrichsen begreift, dass er mit Diskussionen hier nicht weiterkommt, rappelt sich mit durchdrehenden Füßen auf, taucht im Laufen unter Marios langen Armen durch und stürzt sich in die blaue Wildwasserrutsche, die im Erdgeschoss startet und als halboffene Konstruktion nach draußen führt. Sie ist geöffnet und unbewacht. Der Gelehrte macht sich flach, kreuzt die Arme über der haarigen Brust und saust durch die Wandöffnung.
Schnell, raus!", sage ich zu Hartmut und wir laufen zur offenen Glastür, die aufs Außengelände führt. Die Schließfachjungs und Mario folgen uns. Links von uns machen fünfzig Rentner im heißen Solebecken Wassergymnastik. Eine junge Frau leitet sie vom Beckenrand aus an. Die Rentner achten allerdings nicht mehr auf sie, denn soeben erhebt sich aus der halboffenen Plastikröhre schräg gegenüber ein haariger Lehrkörper. Henrichsen hat seinen Leib tatsächlich in der Wildwasserrutsche gestoppt, ist aufgestanden und breitet nun die Arme aus. Ein Kameramann ist uns gefolgt und hält jetzt einfach drauf. Der kühle Außenwind versucht, Henrichsens krause Haare zu zerzausen, verfängt sich aber im gewachsten Gewächs.
Ich bin ein Mann!", verkündet Henrichsen nun. "Ich bin ein Körper, Fleisch und Muskeln!"
In der roten Röhre hinter ihm sieht man die Silhouette der Rutscherin. Sie hat abgebremst, wird aber beim Versuch, sich aufzurichten und in der Rutsche hinzustellen, vom bereits heranrutschenden Kameramann mitgerissen.
Ich bin mehr als meine Bildung. Ich bin Sehnen, Venen und Blut!"
Mario ruft: "Herr Henrichsen, Sie kommen jetzt da runter! Jan, mach die Kamera aus!" Mario hält die Hand vor die Linse des Kameramanns, der womöglich seine Chance sieht, wirklich interessantes Material an andere Sender zu verkaufen.
Ich kann kraulen und kämpfen! Ich bin physisch!!!"
Herr Henrichsen, geben Sie auf, Sie kommen nicht bei uns auf Sendung!"
Das werden wir ja sehen! Ich bin nicht mein Schreibtisch! Ich habe auf meinem Schreibtisch schon Frauen beglückt. Ich beglücke Frauen, jawohl, viele davon!"
Die Schließfachjungs lachen und johlen. Einer von ihnen ruft Richtung Rutsche: "Bravo, Alter! Fler hat schon 300 Ischen gehabt! Wie viele waren's denn bei dir, du Schwätzer?"
Hartmut flüstert: "Fler, pah! Frag mal einen Animateur in Tunesien, da kannst du noch eine Null dranhängen."
Schweigt still, junges Volk", erwidert Henrichsen, "was wisst ihr denn schon? Ich habe Frauen schon Avocadokerne in die Feuchtgebiete eingeführt!"
Die Schließfachjungs schweigen tatsächlich. Das müssen sie erstmal verdauen. In der roten Röhre rumpelt es, weil sich die Rutscherin und der Kameramann Meter für Meter verkeilen. Dieser Mythos dürfte widerlegt sein. Den Rentnern steht der Mund offen. Die Sicherheitsleute eilen zu uns nach draußen und laufen auf die Felsen zu, welche die Wildwasserrutsche rahmen.
Kommen Sie jetzt da runter!", ruft Mario.
Seit Jahrzehnten haben Männer wie wir das Image, der Gehirnesatz für euch alle zu sein. Wir sind Gehirn und Gewissen dieser Nation, aber man sieht nie den Menschen in uns. Den Mann, den Leib. Verflucht seiest du, Descartes! Ich lebe, also bin ich!" Henrichsen macht einen Buckel und senkt seinen Kopf. Seine Ellbogen stieben nach außen und seine Finger nesteln an der Kordel seiner Badehose herum.
Oh nein!", sagt Mario. Die Sicherheitsleute erkraxeln gerade erst den untersten Felsen. Sie werden zu spät kommen. Henrichsen lässt die Hose runter. Ein lautes, kollektives "Ohhh!" geht durch die Rentnerkehlen. So etwas haben die Damen schon lange nicht mehr gesehen. Ihre alten Gatten werden rot vor Neid.
Ich bin physisch!", schreit Henrichsen noch mal. Er taxiert den Abstand von Rutsche zu Solebecken, ruft: "10 Meter, jetzt schauen Sie zu und empfangen Sie! Sie haben schließlich GEZahlt!" Er beginnt, sein Pumpwerk anzuwerfen.
Das kann er doch nicht machen", haucht Mario, fassungslos.
Die Sicherheitsleute rutschen auf dem Felsen ab. Die rote Rutsche ist mittlerweile leer. Nur noch das Echo der Schreie tönt in ihr nach.
Nein", sagt Hartmut, "das kann er tatsächlich nicht machen. Wenn das hier öffentlich wird, sind wir alle am Arsch."
Äh, von wem ist jetzt die Rede?", frage ich.
Leib über Geist!", schreit Henrichsen und hat seine Pumpe bereits auf Höchstleistung gebracht, "Matter over mind!" Ich weiß es, wir können es nicht mehr aufhalten. Die Köpfe von Hartmut, mir, Mario, den Schließfachjungs und der Animateurin sowie die Linse des ungezogenen Kameramannes folgen dem weißlichen Klümpchen, das unter dem blauen, leicht bewölkten Himmel gen Solebecken fliegt. Die Rentnerinnen der ersten Reihe heben die Hände vor die Augen, doch Henrichsens Leiblichkeitsbeweis klatscht zwei Meter vor dem Beckenrand auf die Steine. Dennoch, acht Meter, eine beachtliche Leistung.
Ha ha, jetzt staunt ihr, ihr blöden Engländer!", krakeelt Henrichsen auf seiner Rutsche und patscht sich mit den Händen auf den nassen Schädel.
Hinter uns allen ist Moderator Ibo aufgetaucht, wartet noch eine Sekunde das Schweigen aller Anwesenden ab und sagt dann: "Äh, Mario, wegen der Post an Mutter. Mach noch Fleurop dabei, ja? Lilien und Orchideen. Danke."

Trotz seiner Aktion ist Henrichsen auch zwei Wochen später immer noch nicht auf dem Sender. Der ungezogene Kameramann hat die Bilder an sämtliche anderen Stationen verkauft; außerdem verbreiten sie sich rasend schnell im Internet. Applaus kommt allerdings von der falschen Seite. Die letzten paar Tage liefen Berichte von Kulturzeit, Aspekte und Polylux; gerade eben verfolgt Hartmut im Wohnzimmer eine Diskussion im "Philosophischen Quartett". Henrichsen selbst ist nicht zu Gast, aber der Chefphilosoph hat einiges zu dessen Aktion zu sagen. Man versteht ihn schlecht, da er während des Sprechens immerfort an den Haaren seines ungepflegten Barts kaut, die ihm in den Mund wachsen. Außerdem drückt er die meisten Worte durch die Nase statt durch den Mund. Er sagt: "Es ist doch so. In den kommerziellen Medien dient der Umgang mit Leiblichkeit und Sexualität rein und ausschließlich der Gewinnmaximierung, ja? Man macht weiter, obwohl man von der Niederträchtigkeit seines Handelns weiß. Das gründet man auf die unterstellten Bedürfnisse der breiten Masse, die man selber verachtet, ja? Mit anderen Worten, man ist Zyniker. Mit dieser Aktion auf der Rutsche macht Rainer Henrichsen aus dem Zynismus wieder den Kynismus. Ja? Wir erinnern uns, die Kyniker erkennen schonungslos die Bedeutungslosigkeit allen Strebens, also sowohl des Strebens nach Quote wie auch des Strebens nach Ansehen. Ja? Sie kennen keine gesellschaftlich erfundene Scham, vor der Nacktheit, vor den Trieben. Für sich selbst, nicht für die Maschinerie. Was Henrichsen da gemacht hat, war Aufklärung in einem Zeitalter, in dem die klassische Aufklärung die Bilanz der Scheckbücher geworden ist."
Ich stehe in der Tür zum Wohnzimmer und trinke ein frisches Fiege. Ich gebe Hartmut eine Flasche auf die Couch. Er öffnet. Wir stoßen an.
Hartmut sagt, mit dem Flaschenkopf auf den Fernseher und den bartkauenden Nuschelphilosophen zeigend: "Der war Ende der 70er in einer Kommune von Osho."
Ich nicke und trinke.
Hartmut sagt: "Du kommst niemals raus aus deinem Stall. Egal, was du machst, du kommst niemals raus. Sie applaudieren dir immer. Du bleibst einer von ihnen."
Er schaltet um.
Auf Seven TV läuft ein Promi-Wettbewerb im Turmspringen.
Joey Kelly köpft wie ein Delphin vom 5er, Simon Gosejohann und Elton machen einen doppelten Bauchplatscher. Ein Einblendfenster kündet die nachfolgende Sendung an: "Ab durch den Schlitz - Kleine Menschen, enge Röhren: Die schnellsten Wasserrutschen Chinas."
Ich rülpse.
Hartmut nicht.

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