SANFTMUT


"
Ich verstehe das alles nicht", sagt Herr Schober und schüttelt dabei den Kopf, die Arme auf den Zaun gelegt, der sein Grundstück von unserem Hinterhof abgrenzt. Der Zaun ist dünn und wackelt, wenn einer der jungen Männer dagegen fliegt, die zusammen mit Martin gekommen sind, um in unserem Hinterhof Tanzbewegungen zu üben. Wir wussten nicht, dass Schober da ist und sich so dafür interessiert; es ist unter der Woche und entweder ist Schober arbeitslos geworden oder er hat einen Gelben. Eine Holzblume, die sonst auf dem Fensterbrett seines Badezimmers im ersten Stock steht, liegt traurig in der Dachrinne. Er merkt es nicht. Vielleicht hat er sie selber aus dem Fenster geworfen, da es ein Dekoteil seiner Frau war und er jedes Mal einen Rappel bekam, wenn er im Bad ein paar luftige Bewegungen mit dem Handtuch machte und sie schon wieder umfiel. Kleinteilige Deko im Bad, was soll das auch? Er verzieht die Unterlippe ein wenig. Er ist wahrscheinlich frustriert.
Dennoch würde er in seiner Freizeit niemals das tun, was Martin und seine Freunde gerade machen, auf dem ausgewaschenen Beton unseres Hinterhofes, zu lauter Musik aus einem Ghettoblaster, der mit bunten Stickern beklebt ist. Sie üben Hardcore Dancing. In vier Wochen ist die Band Donnybrook in der Stadt, um hier ihr erstes Video auf deutschem Boden zu drehen, ein Live-Video in der Zeche und Martin und seine Crew haben jetzt schon Tickets. Sie werden als Publikum im Film zu sehen sein, und sie müssen eine gute Figur machen. Donnybrook sind Helden für Martin, sie stammen von der amerikanischen Westküste, bilden auf ihren Plattencovern gezeichnete Typen mit Eishockeyhelm und blutiger Nase ab und zeigen in ihren Videos, wie sich junge Männer auf ihre Konzerte vorbereiten, in dem sie sich wie Boxer die Hand abkleben und den Zahnschutz einlegen. Ihr wichtigstes Lied heißt "What's a little blood between the ones we love".

Martin probiert gerade den Kitty Walk, was auf Herrn Schober psychotisch aussehen muss. Er geht ein wenig in die Beuge und stapft in halber Ententanzmanier vorwärts, während die Arme in Richtung des imaginären Gegenübers Halbkreise mit gekrümmten Fingern machen, wie die Pfoten einer Katze, die von der Couch bis zum antiken Schrank alles zerkratzt. Ein Stück weiter hinten trainieren seine Kollegen vor dem Garagentor Kickboxtritte. An dem Rosenbogen, durch den es in den Garten geht, machen weitere ganz locker ein paar Two Steps. Im Garten selbst schmettert ein großer Routineer seinen Sparringspartner mit einem Body Slam auf den Boden.
Herr Schober schüttelt wieder den Kopf.
Ich stehe neben ihm am Zaun und nippe an einer 9-Cent-Wasserflasche mit zu viel Kohlensäure darin. Herr Schobers Blick klebt auf den tobenden jungen Männern. Ich reiche ihm die Flasche wie einem Kollegen. Er trinkt. Während ihm die Kohlensäure wieder aus der Nase perlt, erkläre ich: "Das ist keine Gewalt in dem Sinne. Das macht man miteinander. Sobald es bei einem Konzert gegeneinander geht, greift die Menge ein."
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Aber warum macht man es überhaupt? Das muss doch weh tun."
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Das gehört dazu", sage ich.
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Geht es denen denn so schlecht?", fragt Schober und sieht mich besorgt an.
Donnybrook brüllen: "Release of our aggression, the therapy for our lives/ this is our way of dealing/ with the pressure built inside." Die Kollegen teilen sich jetzt in zwei Hälften und rennen aufeinander zu wie die Armeen im Bürgerkrieg. Die Wall of Death, Höhepunkt jedes Konzertes. Schober gibt mir die Flasche wieder, macht mit einem Mal einen anderen Gesichtsausdruck und sagt: "Sagen Sie denen, wenn um 18 Uhr keine Ruhe ist, mache ich mit." Dann stößt er sich vom Zaun ab und geht ins Haus. Er ist unausgeglichen.

Ich gehe auch rein und bleibe direkt im Flur stehen, da mir aus der Küche ein unbekannter Duft entgegenströmt. Es riecht nach Kräutern und Lavendel, weich und würzig, wie in Läden, die man nur in der Altstadt findet und in denen Weihnachten Teepackungen in Zellophanpapier eingewickelt werden. Ein Student sitzt am Küchentisch und trinkt aus einer henkellosen, chinesischen Tasse. Er hat die Beine angezogen und keine erkennbaren Bartspuren an der Wange; seine Züge sind so weich, dass sein Gesicht ein wenig verwaschen im Raum schwebt.
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Das ist Sanftmut", sagt Hartmut, der in der Tür zum Wohnzimmer steht und ein Buch in der Hand hält. "Wir diskutieren gerade über den Vernunftbegriff bei Kant."
Ich sehe von dem jungen Mann zu Hartmut, stelle die Wasserflasche auf der Küchenplatte ab und sage: "Tee ist immer sanft."
Hartmut lacht. "Nein, das ist sein Name." Er zeigt auf seinen Kommilitonen am Tisch, als wäre sonst noch jemand anderes da. "Sanftmut."
Ich sehe zu dem Philosophiestudenten am Küchentisch, der lächelt wie eine Lotusblüte.
"
Großer Gott", sage ich.
Er lacht.
"
Meine Eltern mussten dafür vors Gericht ziehen", sagt Sanftmut.
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Wie die von dieser Sitcom-Schauspielerin, wie heißt sie noch? Ja, Wolke. Wolke Hegenbarth."
Sanftmut schaut in seine Teetasse und fährt fort. "Es war leicht zu belegen, dass das Gegenteil eines bereits existierenden Namens auch ein Name ist; da eine Umkehrung eben eine Umkehrung und keine Neuerfindung ist."
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Das macht Sinn", sage ich, und denke darüber nach, ob es dort draußen auch Fraumanns, Lustiges und Ausmanuels gibt.
Vor dem Fenster schleudern ein paar Arme mit Fäusten daran wie Springseile durch die Gegend. Der Helikopter-Move.
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Was war denn das?", fragt Sanftmut.
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Meine Kollegen", sage ich. "Sie üben für ein Hardcore-Video."
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Ist ja schrecklich", sagt Sanftmut.
"
Was hörst du dir an?", frage ich.
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Ich kaufe fast gar keine CDs", sagt Sanftmut. "Wegen des Ressourcenverbrauchs. Ich leihe, aus der Stadtbücherei. Ansonsten mache ich selbst Musik. Mit ein paar Freunden aus dem Teeladen. Wir nennen uns The Brahma Experience. Morgen Abend spielen wir im Gemeindezentrum. Kommt doch vorbei, wenn ihr wollt!"
Hartmut strahlt: "Das machen wir", sagt er, und ich nicke. "Ja, das machen wir."
Draußen knallt ein Hardcore-Tänzer vors Fenster und rutscht wie eine angematschte Fliege langsam hinab.

Das Gemeindezentrum zeichnet sich durch einen Weltladen, eine Teeladen, einen Spielraum für Kinder und den exzessiven Gebrauch von Word Art zur Herstellung schlechter Plakate aus. Überall hängen sie und verkünden mit großer, in Regenbogenfarben gestalteter Schrift neue Vorträge wie "Was würde Jesus heute sagen. Heiner Geißlers Buch in der Diskussion" oder "Stadtteilarbeit und Integration. Ein Vortrag von Manfred Neugebauer-Schulzwedel." Man sieht förmlich, wie Neugebauer-Schulz oder sein Neffe vor dem PC sitzen und mit zwischen den Mundwinkeln eingeklemmter Zunge die Schrift biegen, weil sie gerade die entsprechende Funktion entdeckt haben. Im Weltladen kauft eine alte Frau fairen Orangensaft und schimpft über die Villa von Oskar Lafontaine. Aus dem großen Saal klingen die Geräusche unverstärkter Instrumente, die gerade gestimmt werden.
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Du magst doch gar keinen Esorock", sage ich zu Hartmut, der den ganzen Weg begeistert von Sanftmut erzählte.
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Ich mag aber die Welt der Amateure", antwortet er. "Sanftmut hat seine CD selber gepresst. Das Booklet haben sie selbst gemalt. Mit Aquarell. Der weiß nicht mal, was Marketing ist. Großartig."
"
Du warst zu viel bei Jochen", sage ich.
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Und du bei Martin", sagt er.

Im Gemeindesaal haben sich ein paar Dutzend Menschen versammelt. Die Bühne ist einfach ein Stück freier Raum, auf dem die Tische beiseite gerückt wurden. Eine Anlage gibt es nicht. Die Brahma Experience arbeitet mit Akustikgitarre, Didgeridoo, Harfe und einem großen Aufbau von Percussions, großen Bongotrommeln, kleinen Bongotrommeln, Kuhglocke und Xylophon. Der Percussionist ist fast zwei Meter groß und trägt ein T-Shirt von King Crimson. Die Harfe wird von einer schmächtigen Frau in wallendem Kleid bedient, die wie eine Mischung aus Tori Amos und der Sängerin von Nightwish aussieht.
"
Hartmut!", sagt Sanftmut.
"
Sanftmut!", sagt Hartmut.
"
Coole Percussions", sage ich. und der Drummer tritt hinter seinem Aufbau hervor und reicht uns seine große Hand.
"
Das ist Beech", sagt Sanftmut und der Mann lächelt.
"
Das ist wirklich ein Künstlername", sagt er, sieht seinen Bandleader Sanftmut an, dessen Name echt ist, und haut ihm auf die Schulter.
"I
ch heiße euch willkommen", sagt dieser noch mal feierlich und legt uns die Hände sanft auf die Arme.

Bevor das Konzert los geht, gibt es fünf Grußworte. Eines vom Grünen-Vorsitzenden des Stadtteils, eines vom Weltladen, der das Konzert mitpräsentiert, eines vom Beauftragten des Kulturbüros, eines von der evangelischen Jugendhilfe und eines von einer Frau, deren Funktion ich nicht verstanden habe und die am längsten redet. Sie klingt wie eine Mischung aus Rita Süssmuth und Karl-Heinz Böhm und doziert ca. 30 Minuten darüber, wie Musik Brücken zwischen den Kulturen bauen kann. "Meine Güte, wir sehen ein Gratiskonzert von vier Eso-Prog-Rockern", flüstere ich Hartmut zu, doch der macht "Pssst", obwohl er genau wie ich Fremdscham darüber empfindet, dass hier der Gnadenauftritt vierer Hobbymusiker als wegweisende Geste zur Völkerverständigung hochgejubelt wird. Es sind nur Deutsche im Raum. Keiner von ihnen hat Maschinenbau studiert.

Das Konzert beginnt mit einem Intro, das länger ist als manche Platten. Die Frau an der Harfe schlägt alle paar Sekunden eine Seite an und lässt sie bis zum Ende ausklingen. Dann beugt sie sich wieder und zupft mit geschlossenen Augen an der nächsten. Eine Frau in der ersten Reihe macht die Bewegung mit, hält ebenfalls dabei die Augen geschlossen und zupft bei jedem Anschlag mit ihren eigenen Fingern in der Luft herum, als müsse sie der Harfenspielerin soufflieren oder wolle uns allein zeigen, wie tief das Verständnis für diese komplexe musikalische Struktur in sie eingedrungen ist. Zum ersten Mal wird mir klar, wie albern es ist, Luftgitarre zu spielen. Die Harfenspielerin zupft 25 Mal so, bevor der Gitarrist hinzu kommt und eine leise perlende Melodie aus seinen Saiten friemelt. Sie fällt zu Boden wie ein Büschel Grasfell, rappelt sich zaghaft auf, schaut uns aus großen Äuglein an und wartet, ob sie bleiben darf. Dann trommelt ihr der Perkussionist ein paar Kollegen aus Takt hinterher, die auf dem Boden wie kleine Bälle herumspringen. Die Frau in der ersten Reihe dirigiert mit, ein grauhaariger Mann am Rand verschränkt die Arme und lehnt sich zurück. Es kann bedeuten, dass er genießt und es sich gemütlich macht, aber auch, dass er Zweifel an seinem späten Wandel hin zum Bildungsbürger bekommt. Bis zur Verrentung war er Zeugwart und hat Skat gekloppt.

Die Musik ist zwar langatmig, aber im Prinzip nicht unangenehm. Es klingt, als würden Emerson, Lake & Palmer zusammen mit Reinhard Mey zum Picknick gehen, während im Hintergrund Beruhigungsmusik aus dem Drogeriemarkt läuft und es ist schön, mal eine Harfe live zu sehen. Schlimm sind lediglich die Moderationen zwischen den Stücken, in denen es um Neoliberalismus und den Plastikmusikmarkt geht, auf dem es nicht ehrlich und authentisch zuginge, und ich finde, dass diese Debatte nicht zu dem Gefühl der Musik passt und uns aus den Träumen reißt, während die Frau in der ersten Reihe hart nickt, bei jedem Statement "Ja! Ja!" sagt und sich dabei sogar zu uns umdreht, als wolle sie sagen: "Hören Sie das? Ich habe es immer gesagt!" Als die Band wieder spielt, geht diese belehrende Gestik sofort wieder in Luftharfe über. Ich würde diese Frau am liebsten in San Marino aussetzen; ihr Verhalten ist so, als würde ich bei der Arbeit ständig voller Euphorie schnaufen und rufen: "Seht her, wie ich Pakete trage. Seht meine Stärke, sie rettet uns alle!"
Das letzte Stück dauert 18 Minuten und versenkt sich in ein sechsminütiges Harfensolo als Mittelteil. Inmitten dieses Solos wird die Harfenspielerin, die natürlich auch mit geschlossenen Augen spielt, so langsam, dass die Töne wie letzte Regentropfen nach Ende des Gewitters versickern. Einen Moment lang glaube ich, dass sie eingeschlafen ist. Dann richten sich die Töne langsam wieder auf und springen aus dem Boden zurück in die Luft, wie wenn man das Band zurück spult. Der Perkussionist trommelt jetzt schneller, beginnt, in den Beinen zu wippen, macht den Rücken rund und arbeitet sich groovend durch sein komplettes vorhandenes Schlagwerk. Er steigert sich in ein Solo hinein und macht Läufe, er schwitzt und sieht bei der Arbeit immer mal wieder zu uns auf, als wolle er sich vergewissern, dass er noch Publikum hat. Zugleich funkelt in seinen Augen der Stolz über sich selbst, obschon seine Leistung nun auch nicht so unglaublich ist; das weiß ich von Hartmut und seinen Fusion-Platten, gegen deren Niveau sein Getrommel wie das Messergefuchtel eines Ehemannes aussieht, der zwar nicht kochen kann, aber versucht, die Möhren wie Tim Mälzer zu schneiden. Als das Drumsolo nach ca. zwei Zeitaltern ein Ende findet, setzt der Gitarrist ein. 75 Takte später schickt der Mann am Yidaki eine Horde Ginkos, 24 Erdmännchen und einen voluminösen Büffel durch sein Rohr. Dann harft es noch eine halbe Stunde.

Nach dem Konzert schlägt Hartmut vor, etwas essen zu gehen. Wir verlassen das Zentrum und steuern schräg gegenüber auf eine Dönerbude zu. Hartmut bestellt sich Falafel, ich eine Fleischtasche. Sanftmut will nichts. "Das ist mir alles zu scharf", sagt er, und holt eine Birne aus der Tasche.
Wir setzen uns auf Barhocker an einen hohen Tisch. Hartmut geht aufs Klo.
"
Bisse schwul, oder was?", sagt plötzlich eine Stimme und meint Sanftmut damit. "Zu scharf!" wiederholt sie seine Worte und das "sch" klingt so hart und laut, wie es bei adoleszenten Südländern immer klingt. Wie ein Angriff.
"
Lass stecken", sage ich, ohne ihn anzusehen, und Sanftmut sieht mich an, als sei ich der überraschend aggressive.
"
Was willst du denn?", fragt der Südländer und ich rege mich auf, allein schon über die Berechenbarkeit dieses Dialogs.
"
Essen und essen lassen", sage ich und Hartmut kichert stolz, dass ich so schlagfertig bin.
"
Pass auf, ja? Du und dein schwuler Birnenfreund."
Ich atme schwer aus. Sanftmut legt mir die Hand aufs Gelenk und sagt in einer Tonlage, in der sonst Eugen Drewermann bei Maischberger seine Betroffenheit verkündet: "Lass. Er ist jung." Ich sehe Sanftmut an. Was ist das für ein selten bescheuerter Satz? "Lass. Er ist jung." Ich bin auch jung. Hartmut ist jung. Jesus Christus war jung, da hat er schon Brote geteilt und versucht, die Dinge zu regeln. Es kann doch nicht sein, dass man heutzutage nur jung sein muss, und auf einmal darf man fremde Menschen anraunen, sich in bedrohlichen Rudeln vor Kiosken und Bushaltestellen versammeln und Mülltonnen anzünden.
"
Sagste nix mehr, wa?", sagt der Südländer. "Hat dich dein schwuler Freund beruhigt? Oder hat er dich unter der Fuchtel. Wer ist die Frau von euch, er oder du?"
Meine Ohren werden heiß und ich spüre eine Art Sodbrennen direkt unter der Hirnrinde. Sanftmut senkt gütig die Augenlider, was mich unheimlich aufregt. Ich muss an Martin und seine Hardcoretanzübungen denken. Ein Song kommt mir in den Sinn: "I'll be your doomsayer." Pass bloß auf, Junge. Pass bloß auf.
"
Döner scharf?", fragt der Koch und bevor ich etwas sagen kann, antwortet der Südländer: "Ne, nix scharf für den. Der will es gaaaaaaaanz weich." Dann macht er eine Gestik, die andeuten soll, dass ich die Pobacken von Sanftmut knete und dabei debil zufrieden grinse. Ich stehe auf, stoße den Hocker um, stampfe zu dem Spätpubertierenden, reiße ihn vom Stuhl und schiebe ihn die Wand hoch. Mein Bizeps, der sich außerhalb der Arbeit bei UPS recht unspektakulär unter meiner Haut versteckt, taucht überraschend auf wie ein Eisberg, der sich aus dem Meer faltet. Der junge Mann reißt die Augen auf, als sein Hinterkopf auf seinem Körper sitzend die raue Wand der Dönerbude hoch geschoben wird. Ein schlecht gerahmtes Bild von der Adria löst sich von seinem Nagel und bleibt zwischen dem Rücken des Provokateurs und der Wand kleben. Seine Füße zappeln in viel zu weiten Turnschuhen. Er trägt eine weiße Hose mit vielen Taschen und Schlaufen. "I'll be your doomsayer!", brülle ich guttural, und da der Südländer den Begriff Hardcore nur von Pornos kennt und mit der Brüllästhetik westlicher Aggressionsmusik nicht vertraut ist, denkt er, ich sei vom Teufel besessen.
"
Nicht!", ruft Sanftmut und hebt die Hände, aber wenn Sanftmut ruft ist es wie der Ruf eines Weidenkätzchens und er dringt nicht zu mir durch.
"
Your doom awaits you!!!", brülle ich und komme mir langsam selber blöd dabei vor, wie ich hier einen Hörer von Usher und 50 Cent die Wand hochschiebe und ihm dabei Lieder von Hatebreed vorbrülle. Aber ich habe jetzt einmal angefangen, was soll ich machen.
"
Was ist denn hier los?", sagt Hartmut, der gerade vom Klo kommt und mich beim Verrichten der blutigen Rache entdeckt.
"
Och, nein", sagt er und kommt zu mir. Der Koch steht still, die geöffnete Brottasche in der Hand, ein paar Gurken darin.
Hartmut stellt sich neben uns und sieht von mir zum Südländer und vom Südländer zu mir.
"
Was hat er getan?", fragt er mich.
"
Gepöbelt", sage ich.
Hartmut sieht ihn an. Er pöbelt nicht mehr. Das hat er noch nicht erlebt.
"
Und jetzt?", seufzt Hartmut.
Ich zucke mit den Schultern, ohne dass meine Arme auch nur zittern.
"
Es muss ja irgendwie weitergehen", sagt Hartmut.
Sanftmut steht daneben und schaut uns an wie Fremde.
Ich sehe dem Südländer in die Augen.
"
Wenn ich dich jetzt runterlasse, verschwindest du und wir hören auf, ja?"
Seine Augen funkeln böse. Es ist wie eine Kastration. Aber er nickt.
Ich lasse ihn langsam von der Wand. Hartmut nestelt dabei das Bild der Adria wieder an seinen Nagel, als sortiere er Schläuche beim Verlegen eines Pflegefalles. Der Koch atmet erleichtert aus. Der Südländer verlässt langsam den Laden und zischt "wir sehen uns" durch seine Zähne.
Sanftmut senkt den Blick, als hätte ich jemanden umgebracht und sagt immer wieder nur: "Das ist nicht der Weg. Das ist nicht der Weg."

Daheim erwartet uns die Polizei.
Eine Wanne und ein Streifenwagen stehen vor der Tür, lautloses Blaulicht flackert über die Straße. Auf dem Weg zum Hinterhof diskutiert ein Beamter mit Herrn Schober und Martin. Seine Kollegen stehen im Hof verstreut, zwei haben blutige Nasen. Einer hält sich das Knie.
"
Es war keine Schlägerei, es war ein Tanz", sagt Martin, als wir hinzutreten und sagen, dass wir hier wohnen und was denn los sei.
"I
hr Nachbar hat uns wegen einer Massenkeilerei im Hof angerufen."
"
Das ist keine Keilerei, das sind Tanzübungen", sage ich, schon etwas müde vom Tag.
"
Sag ich doch", sagt Martin.
"
Das ist alles nicht der Weg", säuselt Sanftmut und ich spüre wieder, dass meine Hirnrinde heiß wird. Sanftmut macht mich aggressiv.
Ich wende mich an Herrn Schober: "Ich habe es ihnen doch erklärt."
Er sagt: "Und ich sagte ihnen, dass um 18 Uhr Schluss sein muss."
"
Dann ist es aber nur Lärmbelästigung und keine Keilerei", sage ich.
"
Was eine Keilerei ist, bestimmen immer noch wir", sagt der Polizist.
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Es ist Kampfsport", sagt Hartmut. "Kampfsporttanz."
Der Beamte kommt aus dem Tritt. Hartmut kann glaubwürdig wirken.
"
Wirklich?", fragt er.
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Ja", sagt Hartmut.
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Sie können sich nicht umarmen, also schlagen sie sich", sagt Sanftmut und es klingt, als habe er darüber promoviert.
Der Polizist brummt.
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Aber heute ist hier Ruhe, klar?"
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Sicher doch", sagt Hartmut.
"
Falls nicht, gibt's auf die Nuss!", sage ich und lache dämlich, bis alle mich streng ansehen. Dann zieht die Polizei ab.

Donnybrook kamen nicht in die Stadt, um ihr Video zu drehen, da ihr Bassist bei einem Konzert in Amerika den Gitarrenhals des Gitarristen in den Kiefer gerammt bekommen hatte, was besonders schmerzhaft war, da noch ein Fan an den Stimmknöpfen klebte.
Sanftmut verbrachte noch drei Wochen bei uns. Er seufzte jedes Mal schwer, wenn ich auf der Playstation ein Kriegsspiel spielte. Bei jedem Schuss, bei jeder Explosion. Unseren Kater Yannick sollte ich nicht so anstacheln, wenn er wieder Lust aufs Toben bekam und für jede Flasche Bier bot er mir drei Sorten Tee im Tausch an. Als er eines Abends auf dem Folkati eingekauert für die von mir ermordeten Soldaten auf der Playstation zu beten begann, warf ich ihn raus. Hartmut musste seine Gruppenarbeit mit ihm im Lehrraum des Gemeindezentrums zu Ende bringen.
Als er davon nach Hause kam, sah er mich an, nahm mir das Joypad aus der Hand und stellte auf Dauerfeuer. "Nur mal kurz", sagte er, ließ wieder ab, und war friedlich.

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