WORTSTRUDEL
In memorandum Treibgut


Es ist wieder soweit. Hartmut ist einer Gruppe beigetreten. Seit ich ihm half, seine Fernsehsucht zu überwinden, hat er nur noch gelesen. Und geschrieben. Unablässig. Immer. Hartmut ist ein Überdruckventil. Er erwartet mich an der Unibrücke, wo einige große Betonstufen in der Sonne brennen und darauf warten, von Menschen besessen zu werden. Ein paar Menschen mit Zetteln stehen neben ihm, einer klettert just aus dem kleinen Bassin, das in den Beton eingelassen ist und das man als Pool benutzen könnte, würde man es voll laufen lassen. Sie treffen sich immer dort, ihre Gruppe heißt Wortstrudel und das Wasser, das stellen sie sich vor.

"Tag, Dichter!", sage ich und Hartmut lächelt schief, bis ihm wieder einfällt, dass er zu mir Malocher stehen kann. Ich trage meine Arbeitshose von UPS und ein T-Shirt mit einer Dogge, auf dem Discipline steht. Ich habe es mir von meinem Kollegen Martin geliehen. Es ist eine Working Class-Band. Die Wortstrudler grüßen schüchtern, ich habe einen Schweißfleck auf der Brust.

"Zeit, weg mit der Zeit!!!", brüllt plötzlich jemand. "Zeit, du verratener Schatz, den sie zum Sklaventreiber gemacht haben. Zeit, du Höllenschlund, Zeit!!!" Die Stimme kommt aus dem Leib eines blonden Mannes, der mit geradem Rücken über den Campus gelaufen kommt und dabei zwei Eimer an einer Stange schwingen lässt, während er nahezu grotesk die Beine nach vorne wirft. Ich denke an russische Folklore. Der Mann stellt die Eimer ab, zieht die Stange heraus, hält sie wie ein Gewehr, zielt damit auf die große Uhr, die an der Brücke steht und macht Maschinengewehrgeräusche. "Rattattattatta - Zeit, du Hure des Systems, Zeit, nimm das, hast nur Arbeit für uns, Arbeit, Arbeit, Arbeit bis in den Tod, Zeit - Rattattattatta, heiliger Bimbam, Zeit!!!" Die Passanten machen einen Bogen, ein Buchhändler baut seinen Stand ab. Dann ist der Mann ruhig, wischt sich durch seinen Scheitel und sagt: "Tach, ich bin Alfred und die Eimer sind zum Kleben." Ich hebe die Hand zum Gruß und merke, wie Alfreds Blick mein T-Shirt zerschneidet, als sei ich einer von den Bösen. Dabei möchte ich die Disziplin für den Eimertrick erst einmal haben.

Ich habe Angst vor Alfred, auch wenn Hartmut schon Schlimmeres gemacht hat. Hartmut wirft schon mal aus heiterem Himmel Menschen vom Rad, aber nun, er macht es, wie soll ich sagen.... liebevoll.

Hartmut und ich gehen kleben, wir sind ein Team der Plakatiergruppe und bekommen den linken Eimer. Alfred nimmt den rechten und eine Frau. Die Plakate sind einfach im Druck, aber dafür gratis. Sie werden von der Uni gesponsert. Als ich sage: "Aha, das zahlt also der Malocher mit seinen Steuern", wirft Alfred mein T-Shirt mit seinem Blick in den Häcksler.

Das Plakatieren ist eine mühsame Angelegenheit. Der Campus der Uni ist weitläufig und Nieselregen streitet sich mit Sonne hinter jeder Ecke neu um die Vorherrschaft. Hartmut sagt, es seien schon einige Mitglieder während des Plakatierens verschwunden. Der Campus hat sie nie mehr ausgespuckt. Vor dem Gebäude der Wirtschaftswissenschaftler treffen wir Alfred und die kleine Frau wieder, die er mitgenommen hat. Sie wirkt, als würde sie selbst einer Eintagsfliege noch lebensverlängernde Maßnahmen zukommen lassen. Sie hält den Eimer, während Alfred mit Eifer die Plakate von der Firmenkontaktmesse überklebt. Er nimmt nur die dunkelroten Drucke, die wir fast weggelassen haben, weil man sie am schlechtesten lesen kann. Zwei Kaninchen kommen herbei gehüpft und sehen sich das Geklebe an. Eines davon ist weiß. Es läuft die Treppe herunter und bringt Hartmut auf eine Idee. "Kontrastprinzip!", sagt er und zieht mich eine Treppe herab und um das Gebäude herum. Hinter ihm beginnen die nicht überdachten Parkplätze. Es ist früher Abend, aber sie parken immer noch in zweiter bis siebter Reihe. Die Wagen sind geschichtet, einige wurden aufeinander geschoben, mit anderen hat eine Riesenhand Mikado gespielt. Ein paar einsame Litfasssäulen stehen hier unten, sie sind noch dünn und lediglich mit veralteten Plakaten aus dem Matrix-Club tapeziert. "Kontrastprinzip!", sagt Hartmut noch mal, zieht ein gelbes Plakat hervor und geht auf die Säule zu. Ich pinsele, er klebt. Er steht bloß als Hartmut auf dem Plakat der Lesung. Kein Nachnahme. Wir ziehen einen Ring aus Plakaten um die Säule, als sie plötzlich einen großen Wulst bekommt. Der Wulst ist ein Kopf und es gurgelt ein wenig, als Hartmut das kleisterklebrige Papier von einem Ohr abzieht. "Ja, sag doch was!", sagt Hartmut und hinter der Säule taucht ein junger Mann auf, der so leise war, dass wir ihn gar nicht bemerkt haben. "Bist du alleine losgezogen?", fragt Hartmut. Der junge Mann nickt. Auch er hat einen Eimer dabei. Sie sehen sich an. Sie scheinen eine besondere Bindung zu haben.
"Mein Lieblingsautor aus der Gruppe", sagt Hartmut. "Erfindet starke Figuren." Der junge Mann grinst verlegen.

Das Kaninchen springt in den Wald.

Am Donnerstag Abend sitzt der junge Mann, den wir beinahe einplakatiert hätten, auf der Bühne von Wortstrudel und liest. Er liest gut, er hat nicht mehr viel von dem leisen, einsamen Kleber, aber er ist immer noch lieb.
"Sein Humor ist gediegen", flüstert Hartmut mir zu, "aber er könnte schärfer sein. Das ist wie Rührei ohne Peperoni." Ich habe ein paar Arbeitskollegen mitgebracht. Für viele ist es das erste Mal bei einer Lesung und als Martin den kleinen Tisch am Eingang gesehen hatte, riss er sein riesiges Maul auf, klopfte einem der schmächtigen Jungs mit seiner großen UPS-Verladehand auf die Schulter und rief: "Ein Euro Eintritt??? Hier, Jungens, hier habt ihr einen Fünfer, ihr sollt ja auch nicht leben wie die Hunde!!!" Sie wussten nicht, was sie davon halten sollen. Ein Windzug ging durch die Demoplakate an der Pinnwand.

Hinter dem Mischpult steht heute Hanno. Unser Kumpel Hanno, der die Anlage zur Verfügung gestellt hat und fortan immer zur Verfügung stellt. Hanno weiß, was er tut und die meisten Autoren freuen sich über den Service. Sie lassen sich Musik und Samples einspielen, der Wortstrudel nimmt seinen Lauf und als Hartmut dran ist, schichtet Hanno die sich im Kreis drehenden Elektrostücke von Ekkehard Ehlers auf und Hartmut skandiert dazu: "I don't speak English, man! Can't you accept that I don't speak English and that I deeply disregard your mediocre culture? I don't speak English, motherfucka!" Die Performance hat was mit Paradoxien zu tun. Ein Bild von MC Escher wird im Hintergrund eingeblendet. Es ist ein bisschen viel. Das Publikum klatscht, weil sie vermuten, dass es Kunst war und sie sich keine Blöße geben wollen. Mein Arbeitskollege grinst. Ihm fehlt ein Zahn seit dem Reload von 8000 Urlaubskatalogen. Das Finale bildet ein kleiner, untersetzter Autor, der einmal hier studiert hat und jetzt "unter Treichel" am Poetik-Institut in Leipzig studiert. Seine Prosa ist "poetisiert", wie Hartmut das nennt und die Geschichte handelt von familiärer Gewalt, schizoider Spaltung und einem Gartentor. Hanno spielt erst nichts, dann legt er nach verhaltenem Applaus die Smiths auf. Kaum, dass der letzte Ton verklungen ist, werden die ersten Stühle hochgestellt und der Liebe beginnt auf Geheiß des Clubchefs die Böden zu fegen. Hanno muss schnell abbauen, als sei er ein Eindringling gewesen. Wir gehen nach draußen und setzen uns auf die Stufen. Auf diesem Teil des Campus hat gerade wieder der Nieselregen gewonnen. Viel zu leichte Tropfen werden wie ein Vorhang herumgeweht. Die Uhr an der Unibrücke steht dunkel und still wie das Gartentor aus der Geschichte des Leipzigers.

"Mir ist schwindelig", sagt Martin und beißt sein letztes Bier auf.
"Das muss nicht gegen die Lesung sprechen", sagt Hartmut.
Wir trinken und schweigen und lassen uns den Nieselregen auf den Kopf fallen. Ich schaue zu den Betonstufen und dem trockenen Pool herüber. Der Nieselregen macht unhörbare Geräusche. Wie Maulwurfflüstern. Als ich wieder aufschaue, sitzt der Liebe neben uns. Man hat ihn nicht kommen hören. Er starrt durch den Regen.
"Der Typ aus Leipzig will plötzlich doppelte Gage", sagt er.
Hartmut sagt nichts, aber ich sehe, wie seine Koteletten sich sanft kräuseln.
"Was sagen die anderen?"
"Zahlen."
"Aha."
"Es wurde darüber geredet, demnächst Gastspielverträge zu machen."
Hartmut nickt. Sein Blick erzählt von Wortstrudelerfahrungen.
"Alfred sagt, dann steigt er aus. Dann haben 'die' gewonnen."
"Wer sind denn 'die'?", fragt mein Arbeitskollege und rülpst, aber Hartmut seufzt nur.

Dann öffnet sich die Tür und der kleine Leipziger kommt mit seinen Fans heraus.

Dann Alfred.

Dann der Rest, der in der Tür stehen bleibt und seufzt. Als Alfred auf der Uni-Brücke ist, läuft einer hinterher. Alfred hört die Schritte und dreht sich genau in dem Moment um, wo der andere ihm vor die Füße stolpert.

Es ist ja nicht so, dass Hartmut über die Wochen ausgeglichener wird. Der Wortstrudel strudelt ihn durch. Mal kommt er heim und ist recht euphorisch, bringt den Lieben mit und setzt ihn auf die Couch, wo er sich umsieht, als würde er die Wohnung schon sehr gut kennen. Dann wieder ist er griesgrämig, murmelt Namen aus der Gruppe, grummelt vor sich hin und trinkt Tomatensaft. In zwei Wochen ist Jubiläumslesung, man hat ein wenig mehr Werbung gemacht und hofft auf ein volles Haus. Hartmut, ich und der Liebe gehen noch einmal plakatieren. Zwei weitere Trupps sind unterwegs. Alfred ist auch wieder dabei. Hartmut sagt, dass sei immer so, wenn er aussteigt. Auf dem Weg zur Uni liegt ein Sponsor auf der Straße. Sie lassen ihn liegen und geben ihm einen Euro.

Am Abend des Jubiläums ist der Laden tatsächlich voll, aber Hartmut hat schlechte Laune, als wir vor dem Auftritt wieder draußen auf den Stufen stehen und zusehen, wie der ein oder andere Ankünftling in den Betonplatten des Unibodens versinkt, die manchmal brechen und schlucken. Mir gefällt das, es erinnert mich an die Bröckelplattformen in Videospielen.

"Was ist los?", frage ich und Hartmut schaut bloß giftig zur Uhr und sagt: "Du wirst es gleich hören."

Er hat Recht.
Ein Knacken ertönt und statt des DJ-Sets von Hanno gibt es Feedback-Lärm, wie man ihn seit den frühen Tagen von Sonic Youth nicht mehr vernommen hat.
"Gehört das zum Programm?", frage ich.
"Wenn man so will", sagt Hartmut.

Drinnen ist kein Hanno mehr zu sehen. Statt dessen fuchtelt jemand an einer winzigen P.A. herum und versucht, die Boxen so einzustellen, dass das Gefiepe aufhört. Er schwitzt.
"Wo ist Hanno?", frage ich.
"Weg!", sagt Hartmut und seine Koteletten richten sich wie Stacheln nach vorne.
"Ich dachte, sie mochten seine Arbeit."
"Ja. Solange sie gratis war, haben sie so getan."

Der neue Soundmensch findet keine Lösung. Das Pult kann nur noch zwei Zustände, sehr laut und sehr leise, so dass man flüstern muss, wenn es wie die Hölle verstärkt und schreien, wenn es den Filter zuschaltet.

Dem ersten Autor zersetzt es sein Gedicht.

Die Anlage betont immerfort die falschen Worte. Artikel, Konjunktionen, Füllwörter. Von den anderen hört man fast nichts.
"DER... HEUT... SEINE... WER... KEIN... HAT..."
Es ist wie auf hoher See. Jemand macht ein Gesicht wie im Flugzeug.

Hartmut kann mit der Situation besser umgehen. Er hat einen Algorithmus errechnet, der es ihm ermöglicht, die lauten Stellen abzupassen. Er verwirft seine geplanten Texte und trägt ohne Musik ein paar Emocore-Lieder vor. Das ist diese neue Musik, wo immer abwechselnd einer singt und schreit. Viele gehen auf’s Klo, zwei Poststrukturalisten fragen sich, was sie davon halten sollen und vier Medienstudenten mit tätowierten Waden machen kurzerhand Stagediving. Die Leute von Wortstrudel lachen, aber es ist nicht lustig, sondern hat etwas Neun Live-artiges. Der Liebe sitzt abseits der an der Theke und knibbelt an seinen Fingernägeln.

Hartmuts Emocore-Darbietung neigt sich dem Ende zu und da man ohne Hannos Anlage nur Death Metal oder Lounge-Pop hören kann, steht der Liebe von der Theke auf und übernimmt nahtlos die Staffel.

Hartmut und ich holen uns Bier, hocken uns auf eine alte Couch hinten am Fenster und legen die Köpfe auf die vermilbte Lehne. Kaum, dass der Liebe beginnt, richten wir sie wieder auf. Er liest ohne Mikro, aufrecht in den Raum. Was er liest, spitzt unsere Ohren.

Seine Geschichte beginnt mit einem Treffen der Gruppe, mit Alfred und seinen Kalinka-Eimern, mit uns, wie wir ihn einplakatieren. Die Wortstrudler lächeln an ihrem Stammtisch, aber es ist kein Kuschellächeln mehr, es ist Wuschelfell über Kakteen.

Der Schüchterne auf der Bühne ist nicht mehr schüchtern, er gestikuliert und tönt und erzählt uns von einer Lesung, auf der jemand eine Lesung parodiert und die Gruppe gleich mit. Dann ist er fertig und man merkt ihm an, dass es ihm gut getan hat.

Es klingt wie ein Finale.
"Der ist ja nicht mehr lieb!", sagt Hartmut und zeigt erstaunt auf die Bühne, sein Bier in der Hand.
"Nö", sage ich.
"Und womit?", fragt Hartmut.
"Mit Recht", sage ich.

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