ZüRUB IN DIE ZUKUNFT I


"Es gibt keinen Sinn für Sprache mehr", sagt Hartmut, als wir über die Brücke zum Campus der Ruhr-Universität spazieren. An den Betongeländern links und rechts des Weges sind die Plakate verschwunden, die früher in mehreren Schichten hier klebten, ausgefranst wie die Ärmel der Jacken in frühen Boney-M-Videos.
"Du meinst, es gibt keinen Sinn mehr für Sprache", sage ich. Hartmut sieht mich an, überlegt, was ich gerade in seinem Satz umgestellt habe und schnauft. Er gibt mir ein Bier. Er selbst trinkt Wasser, denn ich begleite ihn zur Vorbesprechung eines Seminars, das er kommendes Semester hier geben soll. Es findet im Optionalbereich statt, einem Bündel von praxisnahen Veranstaltungen, welche die Studenten seit der Reform des Studiums besuchen müssen. Früher besuchten sie dafür ein drittes Fach. Das dritte Fach war meistens ein Exot, ein lustiger Ersatzspieler wie Orientalistik, Skandinavistik, Alt- und Frühgeschichte oder Mineralogie, eine akademische Entsprechung zu Knut Reinhardt, Thomas Broich oder Benjamin Auer, die alle Mal für zwei oder drei Tage in der Nationalmannschaft waren und mit denen man im Prinzip am meisten Spaß hatte. Hartmut mochte die dritten Fächer, aber jetzt, wo er seinen Abschluss hat und lehren darf, nimmt er auch Aufträge in der Reform-Uni an. "Es kommt darauf an, womit man die Quiche füllt", sagt er dann, aber im Grunde reizen ihn auch die 3000 Euro, mag er es nun zugeben oder nicht.
"Was ist mit den Plakaten passiert?", frage ich.
"Exzellenz-Uni", sagt er und ich sehe, dass er wieder an seinen angefangenen Gedankengang anknüpfen will. Man kann das förmlich in seiner Iris beobachten, die ihre Helligkeitsstufe heraufschaltet wie ein Bildschirm, der neu justiert wird. "Das ist zum Beispiel so ein Wort", findet er den Anschluss, "Exzellenz-Uni. Was soll das denn heißen? Ist die Uni exzellent oder ihre Studenten? Macht sie einen erst exzellent oder muss man schon exzellent sein, um überhaupt diese Brücke betreten zu dürfen? Würdenträger spricht man mit Exzellenz an. Und was heißt schon Würdenträger? Warum tragen sie die Würde mit sich herum, als sei sie etwas außer ihnen stehendes, wie ein Pelz, den man sich umwirft oder ein Kaftan? Warum sind sie Würdenträger? Mühen sie sich mit der Würde ab? Wie schwer ist sie? Und warum reimt sie sich ausgerechnet auf Bürde? Ist die Würde eine Bürde?"
Ich lasse ihn reden und nippe an meinem Bier. Wir nähern uns dem Eingang der Hauptbibliothek. "Da drin zum Beispiel, siehst du das?" Er zeigt auf ein modernes Café, das in das Gebäude montiert wurde. Modische junge Frauen verkaufen darin Muffins, Donuts und Milchkaffee in Schalen, im CD-Player läuft ein Café del Mar-Sampler. Die Loungemusik tropft zusammen mit ein paar Spritzern orange-urbanen Lichts auf den Campus hinaus. "Eine Starbuck's-Kopie in der Unibibliothek - ist das Exzellenz?" Ich zucke mit den Schultern. "Weißt du, was früher an dieser Stelle war?" Ich schüttele den Kopf. "Nix! Speckige Schließfächer und ein paar verrottete Bänke, auf denen Pamphlete lagen. Es war unbequem. Und gegenüber von der Treppe zum Klo im Keller stank Verwesung hinauf." Seine Augen glänzen. "Es war wunderbar!" Er bleibt kurz stehen, doch ich gehe weiter, weil ich weiß, wie ich ihn zu verstehen habe. Hartmut mag es, wenn es nicht zu bequem ist. Wenn man schwarze, staubige, kohlenflözharte Vollkornrinden durchbeißen muss, um an einen Klecks Nutella zu kommen. Er will keine Uni mit Milchkaffee. Er will keine Uni mit Wegbeschreibung. Er will eine Uni wie das erste "Legend Of Zelda", nur Pixel, karge Flure und 25.000 Mal die Wände abkloppen, bevor man den Zugang findet.

Wir wandeln sanfte Hügel hinab zu den gelben Gebäuden auf der nordöstlichen Seite des Campus. Auf einem der Hügel steht eine graue Blechhalle, in der die Geschäfte untergebracht sind, die früher im Flur der alten Mensa residierten. Die ist auch längst modernisiert worden und hat einen Vorraum, in dem kleine quadratische Lederwürfel stehen. Hartmut hasst kleine quadratische Lederwürfel. Überhaupt hasst er in letzter Zeit vieles, was mit der modernen Gesellschaft zu tun hat. Er hat wieder begonnen, echte Briefe zu schreiben. Ist er fertig, versiegelt er sie mit einem Stempel aus Siegellack, einem "H" in einem Kreis, das er den Bushaltestellen nachempfunden hat. "Ich werde in dem Seminar alles wörtlich nehmen", sagt er. "Und wenn ich bei jedem Satz unterbreche. Die müssen einfach wieder sprechen lernen." Er bleibt stehen, so dass ich auflaufe. Er tippt auf ein Plakat, das für eine Party wirbt. "GB Mania", liest er vor, "von 21-22 Uhr Happy Hour. Das Original." Er schaut mich an. Seine rechte Kotelette ist weiterhin auf das Plakat gerichtet und zeichnet die Schrift nach. "Jedes Wort da drauf ist Unsinn. Sie könnten genausogut schreiben: 'Paralipomena. Von Neumond bis Kambrium Krautsalat. Urknall."
"Du bist zu streng", sage ich.
"GB Mania", sagt er. "Manisch ist man, wenn man manisch-depressiv ist. Manisch war vielleicht noch Kinski. Oder Pollock. Auf einer Fachschaftsfete in GB ist niemand manisch, da ist man höchstens besoffen und selbst, wenn einer immer noch zu 'Lords Of The Boards' seinen Schädel in die Glastüren rammt, ist das nicht manisch zu nennen."
"Die spielen hier immer noch 'Lords Of The Boards'?"
Hartmut ignoriert meine Bemerkung.
"Happy Hour, warum? Eine Stunde ist glücklich, weil das Bier billiger ist? Eine Stunde ist glücklich, wenn ich mit einer Frau, die ich wirklich liebe, langsam und genüsslich in ein zärtliches Einverständnis gleite."
"Oder auf einem restaurierten Original-Amiga fehlerfrei 'Turrican 2' durchspiele."
"Ja, genau! Aber billiger Suff als Glück verkauft? Das ist eine Schande! Und was heißt hier 'Das Original'? Ist das die erste Fachschaftsparty, die jemals erfunden wurde? Lässt sich ihre Tradition bis nach Jena zurückverfolgen? Haben schon Tieck, Novalis und Brentano rauschaft 'GB Mania' gefeiert, oder was?"
"Ach, Hartmut."
"Man muss achtgeben", sagt er.

Als wir das Gebäude GB betreten, in welchem bald die Mania mit der glücklichen Stunde stattfinden soll und den Flur mit den Aufzügen erreichen, dringt Gestank in meine Lungen. Ein zerrendes Gemisch aus saurem Urin, festgebackenen Häufchen und aufgeschwemmten, pilzdurchfeuchtetem Linoleum. Die Türen, aus denen es entweicht, tragen die Buchstaben "D" und "H". Genau zwischen ihnen wurde ein Aufkleber positioniert: "Geschlecht ist ein Konstrukt der Gesellschaft" steht darauf, "Deconstruct Now!" Hartmut lehnt sich zurück und atmet tief ein. "Hmmmm, jaaaa, das ist es!", sagt er. "Riechst du das? DAS ist Exzellenz! Diesen drakonischen Duft täglich zu ertragen und doch immer weiter zu machen, aus Liebe zur Lehre. DAS erfordert Ausdauer und Leidenschaft. Bei Milchkaffee kann jeder studieren. Jaaaaaa." Ein paar junge Studentinnen, die wie 14 aussehen, machen einen großen Bogen um den Mann, der vor den Toilettentüren steht und voller Glücksgefühle seine Lungen füllt. Ich drücke den Knopf für die Aufzüge, doch Hartmut zeigt auf eine schwere, dunkle, verglaste Tür. "Wir laufen die Treppen", sagt er, "Exzellenz ist Anstrengung."
Zu seinem Termin darf ich ihn nun doch begleiten. Die Chefin der Abteilung, für die er arbeiten wird, gehört zu der lockeren Sorte, hat eine ergonomische Liege unter einer riesigen Palme aufgebaut und trägt Norwegersocken, die umgeklappt über ihre Schuhränder hängen. Hartmut nimmt an ihrem Schreibtisch Platz, ich lege mich unter die Palme und zähle die Adern, die ihre großen Blätter durchziehen.
"Ich darf doch Hartmut sagen, nicht wahr?", sagt die Chefin.
"Anders geht's sowieso nicht", antwortet er.
Sie lächelt und klappt eine schwarze Pappmappe auf. "Hartmut", sagt sie, "so sehr ich Sie schätze, ich habe da ein Problem mit der Finanzierung des Seminars."
Hartmut beugt sich vor: "Wieso?"
"Aufgrund des ExzGez bin ich verpflichtet..."
"Des was?"
"Des ExzGez, das Exzellenzgesetz."
"Hm."
"... ja, wegen dieses Gesetzes bin ich verpflichtet, alle meine neuen Lehrkräfte zu überprüfen und dabei habe ich das hier gefunden." Sie zieht ein paar Blätter aus der Mappe und knallt sie Hartmut genau so vor die Nase, wie es ein Privatdetektiv mit den Abzügen des außerehelischen Beischlafs tun würde. Von wegen Palmen und Norwegersocken - hier geht es gnadenlos zur Sache. Hier herrscht das ExzGez.
"Was ist das?", fragt Hartmut, dreht die Blätter gerade und runzelt die Stirn. Es sind auch Bilder darauf zu sehen, oben auf dem Blatt scheint eine lange URL zu stehen. Ausdrucke aus dem Netz. Hartmut atmet flacher. "Das bin ich nicht", sagt er, "da habe ich nichts mit zu tun."
Die Chefin nimmt die Blätter wieder an sich und zitiert: "... müssen wir dafür sorgen, den Campus wieder in den Zustand von 1998 zu versetzen. Der halbherzige Cappuchino-Reformismus der letzten Jahre ist für jeden denkenden Menschen eine Beleidigung. Die alte Universität hatte in ihrer ruinösen Entrücktheit äußerste ästhetische und konzeptionelle Konsequenz. Die neue Universität ist eine schlechte Installation. Konsequent wäre eine komplette Neukonzeption des Campus durch Diller + Scofidio inklusive gläserner Aufnahmeprüfungsterminals vor jedem Gebäude. Wer dort etwa zur Germanistik durchgelassen werden will, hat auf der Stelle zu beschreiben, welche Tiere Ottla Kafka auf ihrem Bauernhof in Nordböhmen züchtete, als ihr Bruder Franz dort seinen Genesungsurlaub antrat. Kommt hier nicht wie aus der Pistole geschossen der Veterinärbestand aus dem Mund des Bewerbers, schließen sich die Pforten des Terminals für immer. Das wäre konsequent. So aber gibt es Milchkaffee und den B.A., der nicht umsonst wie "Bah!" klingt. Die Ruhr-Uni hatte eine Persönlichkeit. Drei Stunden Büchersuche entlang der Asbestverkleidungen, Plakatschlachten an den Wänden und das eine renitente Häufchen in der hintersten Toilettenkabine von GBCAF 05 Süd, das sich seit 10 Jahren nicht wegspülen lässt - DAS ist Konsequenz. Holen wir sie zurück. Gezeichnet H., Anführer der Aktion 'ZüRUB in die Zukunft."
Ich muss lachen. "ZüRUB in die Zukunft?" Ich krümme mich in der Palmenliege.
Hartmut ohrfeigt mich mit seinen Augen.
"Ich mein ja nur", sage ich, "man muss achtgeben."
Die Chefin tippt auf den Ausdruck. "Sie sind H."
Hartmut schüttelt den Kopf. "Nein."
Die Chefin hält den Ausdruck in die Luft, auf dem die Aktion 'ZüRUB in die Zukunft' mit dem runden H-Logo unterzeichnet ist wie mit einem Stempel. Dann zieht sie einen Briefumschlag aus ihrer Ablage und hält ihn daneben. "Das ist Ihre Bewerbung", sagt sie. Der Umschlag trägt Hartmuts kreisrundes Siegel.
Hartmut seufzt.
Die Chefin legt die Blätter ab. "Sie verstehen, dass wir Sie unter diesen Umständen schlecht als Lehrkraft einstellen können?"
Hartmut nickt. "Das verstehe ich." Ich sehe ihm an, dass er im Kopf schon ein paar Schritte weiter ist. Dieses Ende ist ein Anfang. Er steht auf, nickt mir zu, dass ich meinen Hintern aus der ergonomischen Liege schälen soll und reicht der Frau die Hand. "Danke für alles. Vielleicht ein andermal."
Sie nickt.
Am Rand ihrer Wollsocke hängt eine tote Fliege.
Vor den Toiletten im Erdgeschoss zieht Hartmut einen Zettel aus der Tasche, friemelt eine Reißzwecke aus der Pinnwand, die als einzige noch wild bestückt werden darf, hält den Zettel davor und drückt die Reißzwecke rein. "Aktionsbündnis 'ZüRUB in die Zukunft', für eine Uni von 1998. Treffen am Montag, Wiemelhauser Str. 418, 19 Uhr." Er fährt sich mit der Zunge über die Lippen.
"Jetzt geht's los", sagt er, "jetzt geht's los..."
Ich seufze, bitte ihn um ein Bier und nehme mir vor, mal wieder das ganz alte "Legend Of Zelda" zu spielen.

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