ZüRUB IN DIE ZUKUNFT II


"Oh mein Gott, es ist so schön", sagt die Studentin, während sie den Sand der künstlichen Düne mit der Hand durchfächert. Die künstliche Düne liegt im Botanischen Garten der Ruhr-Uni Bochum und die Studentin wirkt, als hätte sie noch nie das Meer gesehen.
"Ich wusste nicht mehr, wie sich das anfühlt", sagt sie. "Ich habe es vergessen."
Sie hat also doch schon mal das Meer gesehen. Dass sie sich seit Beginn ihres Studiums an nichts mehr erinnern kann, sei nichts Ungewöhnliches, erklärt Hartmut einige Meter weiter einem Journalisten des Sterns, das beobachte er bei allen Teilnehmern seines Projektes "Halt an!". Dieses Projekt ist Teil seiner Kampagne "ZüRUB in die Zukunft" und der Journalist ist extra aus Hamburg angereist, um einen Artikel darüber zu verfassen. Letzte Woche hat er noch einen ganzen Tag damit verbracht, Neonazis in einem Jugendcamp bei Erfurt abzulichten, um davor zu warnen, wie sie im Osten die Kinder verführen. Vier Stunden Fotosession habe er mit dem Ober-Rekrutierer gemacht, dreieinviertel mehr als damals mit Amy Winehouse, er sei sehr kooperativ gewesen. Nachdem ich ihn fragte, wie viele Grundschulen ich mit Comicversionen von "Mein Kampf" bemustern müsste, um mit einem Dreiseiter im Stern belohnt zu werden, redete er nicht mehr mit mir. Mit Hartmut aber redet er, und der geht völlig auf in der sich ihm bietenden Chance, während die Teilnehmer und Innen seines Projektes verzückt und teils mit Tränen in den Augen durch den Botanischen Garten laufen und das erste Mal seit Monaten wieder riechen, hören und fühlen.
"Das kennen die Studierenden gar nicht mehr", erklärt Hartmut dem Journalisten, "der Bachelor hat den meisten von ihnen buchstäblich 'die Sinne geraubt'. Im Rekordtempo trat alles hinter die Jagd nach Credit Points und Seminarscheinen zurück. Das Privatleben, die Hobbys, Beziehungen, sämtliche nicht zweckgerichteten Interessen und der eigentliche Grund, warum sie mit dem Studium begonnen haben."
"Eine Symptomatik wie bei Karoshi", sagt der Journalist und Hartmut nickt eifrig.
"Ja, genau, wie beim japanischen Tod durch Arbeit. Das ist denke ich auch der wahre Grund hinter der Einführung des Bachelor. Man will die Leute sehr früh arbeitssüchtig machen. Sie psychisch brechen. Sie in den Zustand versetzen, in dem man seinen Job macht, ohne noch länger zu fragen, ob man das will. In Kombination mit der TV-Serie '24' und den täglich angsteinflößenden Schlagzeilen über den Chinesen, der immer noch einen Schritt schneller ist als wir, gelingt das sehr gut."
"Sie glauben also, dahinter steckt Methode? Es geht überhaupt nicht ums Studium?"
"Es geht um eine Veränderung der Haltung. Um das, was die Leute kolatteral lernen. Um eine Transformation. Lebensmut zu Arbeitswut."
Der Journalist macht einen kleinen Hüpfer, als Hartmut diesen Satz sagt. Er hat ihm soeben die Schlagzeile des Artikels geliefert und ihm Denkarbeit erspart. Journalisten lieben so was. Hartmut weiß das. Die Dünensandfrau hat sich umgesetzt und beobachtet nun seit zwei Minuten eine Libelle, die sich auf einer Blüte niedergelassen hat.
"Zwei Minuten", sagt Hartmut, als habe er meine Gedanken gelesen, "gebe ich den Teilnehmern mindestens, um eine Blüte anzuschauen. Fünf Minuten für einen Baum. Fünfzehn Minuten für die Koi-Karpfen im Chinesischen Garten. So führen wir die Menschen langsam wieder an ein gesundes Lebenstempo heran. Bislang waren zwei Minuten für sie die Zeitspanne, die sie fürs Mittagessen brauchten, zumindest beim Falafelmann oder in der Cafeteria. In der Mensa lassen sie es fünf sein, oder zehn mit Salat und Nachtisch. Wenn ich denen erzähle, dass wir früher beim Essen in der Mensa 30 Minuten über Nietzsche diskutierten und danach noch einen Kaffee auf der Terasse nahmen, Blick ins Lottental, die erklären mich für verrückt. Hey, Patrick, hey!" Hartmut geht zu einem jungen Teilnehmer, der mit zitternden Fingern in seinem Rucksack herumwühlt, einen karierten Schreibblock herauszieht und wild mit einem Kuli darauf zu notieren beginnt. Dabei wälzt er sich in einem Beet seltener Pflanzen, die er eigentlich hätte beobachten lernen sollen. Hartmut will ihm den Block wegnehmen, doch er wehrt sich und schlägt nach seinem Anti-Bachelor-Coach.
"Lass mich, ich muss arbeiten. Ich muss das hier erledigen! Ich habe straffe Pläne. Wenn ich das heute nicht schaffe, gerate ich in Rückstand." Die Augen Patricks färben sich rot, als er das sagt. Er hat angeknabberte Fingernägel und einen schwarzen Schmutzrand an den Schuhen. Hartmut drückt ihn mit aller Entschlossenheit in die Rabatten. Er hat Kraft. Mit dem linken Arm drückt er Patricks Brust, mit der rechten entwendet er ihm den Block und streicht ihm dann übers Haar wie ein Mann seinem drogensüchtigen Bruder in einem Hollywood-Drama.
"Pssschhhhht", zischt er, "ganz ruhig. Ganz ruhig. Alles in Ordnung."
Patrick beruhigt sich ein bisschen.
"Lass mal sehen", sagt Hartmut und hält sich mit der rechten Hand ein kopiertes Blatt vor die Nase, das aus des Studenten Notizblock herausgefallen ist.
"Okay, worum geht es denn hier? Ah, sehr schön, Georg Heym." Hartmut liest laut: "Einerseits wird Georg Heym durch 'kosmische Entgrenzung der Persönlichkeit' zu dem ahistorischen Typus 'expressiver Mensch' deklariert, andererseits wird er klassifiziert als 'Frühvollendeter', der prophetisch Krieg und Revolution voraussah und dessen Tod eine 'innere Notwendigkeit der Natur' sei." Hartmut leckt sich mit der Zunge durch die Mundwinkel, den linken Arm immer noch wie ein Polizeibeamter auf dem ins Blattgrün gepressten Bachelor-Studenten. "Ist dir klar, was der Satz aussagen will?", fragt Hartmut. Der Student schüttelt den Kopf und wimmert: "Dass Heym einerseits ein ahistorischer Typus war und andererseits ein Frühvollendeter?"
Hartmut seufzt: "Um Himmels Willen!" Er quetscht die akademische Brust. "Hier werden Quellen angegeben", sagt Hartmut. "Das mit dem Typus hat F.J. Schneider gesagt, das mit dem Frühvollendeten Helmut Greulich. Kennst du Helmut Greulich?"
Patrick spuckt Gras: "Natürlich nicht. Ich lese nur die Zettel, die wir mitbekommen."
Hartmut zitiert noch einmal: "Heyms Heiliger war Hölderlin, und neben ihm steht jetzt noch ein zweiter: der Dramatiker Christian Dietrich Grabbe. In dessen widersprüchlichem Leben und Schaffen glaubte er sich selbst zu erkennen." Hartmut tippt auf das Blatt. "Das hast du gelb markiert."
"Ja, habe ich", japst Patrick.
"Kennst du Hölderlins Werk? Ist dir Grabbes Leben vertraut?"
"Nein, woher soll ich das denn wissen? Das Seminar geht über Heym."
"Du markierst einen Satz, der besagt, dass Georg Heym massiv von Grabbes Leben beeinflusst war und schaust nicht nach, was dessen Leben ausgemacht hat?"
"Nein."
"Warum markierst du ihn dann? Was bringt dir der Satz, wenn du nicht weiß, was mit Grabbe war? Das wäre ja so, als würde ein Mathematikstudent sagen: 'Ach, ich weiß gar nicht, wofür das große N in der Klammer steht, aber ich mache mal trotzdem weiter."
Der Journalist ist mittlerweile an die Szene herangetreten und macht Fotos von dem auf Patrick liegenden Hartmut. Der sagt: "Grabbe wurde im Zuchthaus geboren, weil sein Vater dort gearbeitet hat. Die haben auf dem Knastglände gewohnt. Der Vater war ein netter Mann, sanft, gefühlvoll, er wollte Besseres für seinen Sohn. Auch die Mutter, einwandfrei. Man kann kein Trauma finden, keine Misshandlung, der Mann wurde niemals nachts auf den Balkon ausgesperrt. Trotzdem entwickelte er sich schon in der Schule zum Schizo. Wurde gemobbt wegen seines krummen Körperbaus und seiner Herkunft. Hat sich aber auch selbst in diese Rolle fallenlassen, hat jeden Bekloppten auf dem Knasthof zum Vorwand genommen, einen Hass auf die ganze Menschheit zu entwickeln. Er wollte so sein. Las wie ein Irrer, trank hektoliterweise Kaffee und war schon früh gebildet. Hatte tierische Angst, trotz allem in den hohen Sphären nicht bestehen zu können. Kannte nur zwei Zustände: Entweder arrogant und verächtlich auf das restliche Volk hinabsehen oder sich in Selbsterniedrigung krümmen, weil er ja angeblich von niemandem respektiert würde. Ein Exzentriker vor dem Herrn, selbstgerecht in seiner Inszenierung. Glaubst du nicht, es könnte wichtig sein, das zu wissen, wenn ein anderer Dichter sich den zum Vorbild nimmt?"
Patrick sagt nichts, doch die rote Färbung in seinen Augen geht ein wenig zurück. Er sagt: "Gut, dann schlage ich demnächst solche Namen eben bei Wikipedia nach."
Jetzt röten sich Hartmuts Augen. Er lässt den Studenten los, springt auf und ruft in die von einzelnen Teilnehmern wie von hochgewachsenen Margeriten durchsetzte Landschaft: "Nein, nein, nein! Kein Wikipedia mehr, hört ihr? Kein Google, kein Fireball! Das ist ab heute Direktive für alle! Wenn ihr beim Lesen auf etwas stoßt, das ihr nicht mit Inhalt füllen könnt, dann recherchiert ihr das nach. Mit den Füßen!"
"Aber warum denn?", fragt ein Student, dessen Gesicht zwischen einem Vorhang aus dicht gewachsenen, langnadeligen Pinienästen auftaucht.
"Weil Fleisch an die Sache muss", sagt Hartmut. "Weil es auch nicht reicht, zu wissen, dass eine Pinie bis zu 25 Meter hoch wird, eine schirmförmige Krone hat und den Mittelmeerraum prägt. Weil man eine Pinie gefühlt und gerochen haben muss. So ist das auch mit Werken. Mit Biografien. Mit Epochen. Man muss es nachvollziehen, man muss es kauen und schmecken und sich hineinversetzen."
"Und wie sollen wir dann unseren Abschluss machen?"
Hartmut steigt auf die Düne. Ein Wind zieht durch seine Koteletten wie einst durch Moses wallenden Umhang. Er sagt: "Was denkt ihr, wie ein Professor reagiert, wenn er bei der mündlichen Prüfung spürt, dass ihr WISST, wovon ihr redet? Dass ihr da wart, auf Grabbes Gefängnishof? Dass ihr ergriffen oder auch angeekelt davon wart, was für eine Hassparade sein 'Gothland'-Drama darstellt? Dass ihr seinen verzweifelten, aufdringlichen Brief an Ludwig Tieck tatsächlich Wort für Wort gelesen habt? Was denkt ihr, was der Professor dann empfindet? Denkt ihr, der sagt sich: 'Okay, der Student hat sich tiefer in das Thema eingegraben als alle, die ich in den letzten Jahren traf, er brennt sogar dafür und ich kann gar nicht anders als ihm eine 1,0 geben, aber er hat nun mal acht statt sechs Semester benötigt und daher ziehe ich jetzt aus meiner Schublade einen kleinen Chinesen hervor und setze ihn auf den Arbeitsplatz, den mein Student nach seinem Abschluss haben wollte! 'Bye, bye Grabbe-Kenner, guten Tag Zhi Cheng!' Glaubt ihr ernsthaft, das denkt dann dieser Mann?"
Die Studenten schweigen betreten. Aus der Ferne quaken die paar Hundert Tiere im Froschteich.
"Aber warum haben die den Bachelor dann zugelassen, wenn sie uns selber lieber so gebildet hätten?", ertönt es hinter einer Sonnenblume.
Hartmut antwortet: "Mein Gott, warum macht Dirk Bach die Dschungelshow, wenn er auch exzellente Hörbücher aufnimmt? Menschen machen Fehler, nehmen Angebote an. Menschen tun, was der Sendeleiter sagt und fühlen sich abgeklärt und pragmatisch dabei. Menschen nehmen Meisterwerke wie 'The Joshua Tree' auf und dann hocken Sie eines Tages bei der UNO, bitten um eine Ende des Hungers auf Erden und lassen auf der Rückbank des Tourbusses auf Stundenlohnbasis den Steuerberater und einen persönlichen Priester mitfahren. So ist das nun mal."
Der Student in der Pinie raschelt, die Libellenstudentin schaut sich an, wie das blau schimmernde Tier davon surrt.
Hartmut klatscht in die Hände: "Ich habe eine neue Übung für euch. Ihr nehmt euch jetzt alle eure aktuellen Kopien aus euren Seminaren, geht damit in die Universitätsbibliothek und lest. Lest genau, jeden Satz, überschlagt nichts. Sobald irgendein Hinweis auf jemand anderen kommt, eine Fußnote, ein Fremdwort, das ihr nicht versteht, irgendwas, springt ihr auf, sucht die Originalquelle, klaubt sie aus dem Regal und zieht sie euch rein."
"Aber...", will der immer noch zu Hartmuts Füßen liegende Patrick widersprechen, doch Hartmut sagt herrisch: "Egal, wie lang es dauert!" Die Studenten kriechen murrend aus dem Grün hervor; der Redakteur des Sterns knipst erfreut auf seinem Kuli herum.
Auf dem Fußweg zur Zentralbibliothek fragt Hartmut den Journalisten: "Wo waren sie eigentlich, als ich damals das Institut zur Dequalifikation gegründet habe?"
"Oh, das. Da zog die NPD gerade in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern ein. Da mussten wir einen Fünfseiter machen."

Hartmuts Übung in der Bibliothek dauert in der Tat lang. Es dämmert schon, als wir alle zusammen das Gebäude verlassen, die Scheinwerfer des Guernica-Bildes neben dem Eingang sind eingeschaltet, ein paar Altsemester schlendern mit großen Taschen über den Campus in Richtung der alten Sporthallen.
Patrick, der Pinienmann, die Libellenblütenfrau - alle haben einen glasigen, zufriedenen Blick in den Augen. Sie haben das erste Mal in ihrem Studium wirklich gelesen. Sie haben stundenlang Quellen gesucht, sich durch die labyrinthischen Gänge gejagt, sich von Fußnote zu Fußnote tragen lassen.
"Zu sehen, dass da wirklich echte Bücher hinter den Fußnoten stecken", flüstert die Studentin und es klingt, als fielen die ersten Schneeflocken zur Weihnachtszeit, "das ist ein...", sie macht eine dramatische Pause und sieht Hartmut an, während von irgendwoher "Home" von Simply Red in der Orchester-Version ertönt, "... unglaubliches Gefühl."
"So real", sagt der Pinienmann. "So... spürbar."
Patrick schaut verträumt in Richtung Unibrücke und sagt: "Ich hatte heute das erste Mal das Gefühl, etwas zu wissen. Etwas zu können. Im Grunde wie... wie Kochen. Ja, wie selber Kochen."
"Der Bachelor ist eine Mikrowellenschale", sagt der Pinienmann.
"Ach was", sagt die Libellenfrau, "eine matschige Schnitte Carazza, von der man Sodbrennen kriegt."
Hartmut lacht. Der Journalist notiert.
"Heute haben wir selber gekocht", sagt Patrick.
"Und Kochen kostet Zeit", sagt Hartmut.
"Ja", sagt Patrick.
"Aber dafür sind wir hier, oder", sagt Hartmut und in meinem Kopf singt Mick Hucknall "oh, I long for the feeling of hoooooome!"
"Dafür seid ihr hier", sagt Hartmut noch mal. "Um Köche zu werden. Nicht Küchengehilfen, die Safran holen, ohne zu wissen, warum."
"Safran wird per Hand aus den Blüten des Crocus Sativus gewonnen, deshalb ist er so teuer", sagt die Studentin. "Zeus soll auf einem Bett aus Safran geschlafen haben. Man kann Safran nicht anders gewinnen, als ihn in aller Ruhe per Hand aus den Blüten zu pulen. Einige Anbieter fälschen ihn, die verkaufen ihn als Pulver statt in Fäden. Das Pulver ist dann meist bloß eine Kurkuma-Mischung."
"Der Bachelor ist die Kurkuma-Mischung unter den Studienformen", sagt der Pinienmann. Der Journalist notiert sich das. "Haben Sie nicht bald genug Überschriften?", frage ich. Er schnaubt.
"So", sagt Hartmut und klatscht in die Hände. "Das reicht für heute. "Morgen üben wir dann das Tee trinken mit Blättern statt mit Beuteln."
Jetzt seufzen die Studenten wieder. Ein Tag ganz ohne Arbeit macht ihnen immer noch Angst.
Sie verabschieden sich und ziehen ab. Patrick drückt Hartmut die Hand: "Danke!"
"Gern geschehen."
Mick Hucknall singt: "I wasted all my tears / wasted all those years." Ich klopfe mir vor den Kopf.
Ein Chinese rennt mit einem Becher Kaffee vom Maschinenbaugebäude über die Brücke ins Uni-Center. Er braucht bloß zwei Minuten, seine Beinchen sind vor lauter Tempo kaum zu erkennen.
Wir nehmen den gleichen Weg.
In 20 Minuten.

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