ZüRUB IN DIE ZUKUNFT III


Der Campus der Ruhr-Universität im Jahre 2015

Der Tau liegt auf dem Gemüse. Um 6:30 Uhr krault die Morgensonne der Nachtkälte, die sich immer noch an den Boden klammert, am Kinn und zieht sie sanft in die Höhe, auf dass sie sich vom Acker mache. Es ist schön, das zu erleben. Früher war ich um diese Zeit nur wach, wenn die Frühschicht von UPS mich dazu zwang... oder eines unserer zahlreichen Abenteuer. Heute kann ich nicht schlafen, da die staatlichen Streitkräfte sich schon wieder Scharmützel mit unseren Wachposten lieferten, um 5 Uhr morgens, wo die Mehrheit meiner 4999 Mitbürger auf dem Campus noch schläft. Am Hintereingang des Geländes zum Lottental haben sie versucht, durchzubrechen und an der Westseite, wo das Gebäude der Fachhochschule bis zum Weinhaus Bodegas Rioja wie ein Arm etwas unsymmetrisch aus dem Gelände hinausragt. Dieses Gebiet ist die größte Schwachstelle unserer Verteidigung; es wurde schon darüber beraten, das Weinkastell eventuell aufzugeben, aber die Strategen entschieden dagegen. Schlafen konnte ich jedenfalls heute Morgen nicht mehr und so spaziere ich nun durch den Botanischen Garten, der früher zur Zierde und zu Lehrzwecken diente und der unsere Stadt heute mit Gemüse und Obst weitgehend ernährt.

Der Campus wurde vor zwei Jahren zum
"Camp Us", kurz nach unserer Rückkehr ins Ruhrgebiet. "Camp Us" wurde nicht gegründet. Es ist einfach entstanden. Aus Notwehr, aus Spontaneität, aus einer kritischen Masse heraus, die gemeinsam zu gleicher Zeit gespürt hat, dass es dringlich wird und dass Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen. Die Regierung hatte 2010 sämtliche Banken verstaatlicht, da die Bürgschaften und Hilfspakete der großen Finanzkrise nicht ausgereicht hatten und man schließlich auch gleich die Kontrolle übernehmen kann, wenn man ohnehin alles bezahlt. Da die Wirtschaft des Landes in großem Umfang zusammenzubrechen drohte, übernahm man ebenfalls Schritt für Schritt die Mehrheit an den dominierenden Auto-, Chemie-, Stahlbau- und Energiekonzernen. Als erstes wurde Opel staatseigen, dann folgten zügig Volkswagen, MAN und nach Protesten des Vorstands und der Aktionäre letztlich sogar Mercedes. AEG, BASF, Bayer, die Degussa, Mannesmann, Siemens RWE, eon... nachdem sich die Bevölkerung einmal daran gewöhnt hatte, dass es besser sei, wenn Vater Staat die Wirtschaft nicht nur an die Zügel, sondern direkt in die Hand nimmt, ging alles ganz schnell. Bezahlt wurde diese Umwandlung der Privat- in die Staatswirtschaft unterm Strich mit dem Geld der Bevölkerung, das allerdings hinten und vorne nicht reichte. Da sich ähnliche Entwicklungen in allen westlichen Ländern abspielten, schob die Europäische Zentralbank alles in allem 25 Billionen in ungedeckten, frisch gedruckten Scheinen nach. Autos, Strom, Waschmaschinen und sogar die meisten Nahrungsmittel werden seitdem nicht mehr im alten Sinne "verkauft", sondern von der Regierung an die Bürger je nach Bedarf und Verdiensten verteilt. Anders - so machte es die Kanzlerin 2012 in ihrer berühmten Rede zur Lage der Nation klar - sei der Standort Deutschland und seine Wirtschaft gar nicht mehr zu retten. Wo niemand mehr kaufe, müsse halt der Staat in Vorleistung treten. Und so kaufte die Regierung die Konzerne und somit auch ihre Autos und Waschmaschinen und Trockner, die nun schon ab Werk vorbezahlt sind und nur noch an die Menschen ausgeliefert werden müssen. Wer was bekommt, regelt dabei die ZPfgGV, die Zentrale Planstelle für gerechte Güterverteilung. Es müsse schließlich Schluss sein mit der ungerechten Distribution des Reichtums, darin waren sich 2012 auch Vizekanzlerin Roth und Wirtschaftsminister Lafontaine einig, und so strömen die Limousinen und Küchenmixer nun gleichmäßig verteilt in die Haushalte der Bürger, die im Gegenzug die regelmäßige Überwachung durch die REZ - die Rechenschaftszentrale - akzeptieren, die einmal pro Quartal Lebenswandel, Besitztümer, persönliche Netzwerke sowie öffentliche Äußerungen der Menschen überprüft, um festzustellen, wie hoch Grad der Bedürftigkeit und Rechenschaftstatus überhaupt noch sind. Sämtliche schriftlichen Äußerungen einer Person - vor allem im Internet - sammelt derweil in Kopie die Deutsche Nationalbibliothek, wozu sie die Bürger schon 2008 gesetzlich verpflichtete, ohne dass es damals jemand bemerkt hätte. Es ist immer gut, wenn man schon etwas vorarbeitet.

"Guten Morgen", sagt Jochen, der ebenso wie viele andere unserer alten Freunde mit uns auf den Campus gezogen ist. "Haben dich heute morgen auch die Gefechte geweckt?"
"Ja", sage ich und reibe mir den Nacken. Caterina setzt sicher gerade Kaffee in der Teeküche der Kinderbetreuung im ehemaligen GA-Gebäude auf und Susanne arbeitet im Fuhrpark in den Werkhallen der Maschinenbauer, wobei unser Fuhrpark bis auf wenige gepanzerte Lieferwagen nur aus Zweirädern fürs Gelände besteht, da wir es ja kaum noch sicher verlassen können. Hartmut ist bereits in der Kommandozentrale, wo ich gleich auch hineinschneien werde.
"Tust Du mir einen Gefallen?", fragt Jochen und hält mir ein Paket hin. "Bringst Du dieses Päckchen zur Familie Gärtner? Die wohnen IB 4/412."
Ich nicke. Es ist meine Aufgabe, das zu tun, denn ich bin ein "Runner", ein Paketbote. Im Tausch gegen diesen Weg erhalte ich von Jochen eine Gegenleistung. So läuft das hier. So oder mit kleinen Gold- und Silbermengen, da es ja kein echtes Geld mehr gibt und da wir uns hier drinnen im "Camp Us" von den Nährschläuchen der Regierung abgetrennt haben, wodurch wir unbequemer leben, aber dafür frei. Jochen wartet darauf, dass ich ihm die Gegenleistung nenne und ich sage: "Es steht immer noch aus, dass Du mir eine Tischtennisplatte besorgst. 20 Botengänge, eine Platte. Das hier ist Botengang 17."
"Aber ich finde doch keine."
Ich zeige rauf zu den gigantischen alten Gebäuden, in denen früher studiert wurde und auf deren steinernen Balkongängen jetzt Wäsche hängt. Ich sage: "Jochen, komm schon, das Gelände ist riesig. Wie lautet unser Motto? Gehe in die Tiefe!"
Jochen lächelt.
Manchmal muss man die Menschen erinnern.
Wir haben ein paar wenige Grundsätze in unserer neuen Gesellschaft aufgestellt, die sich im Kern aus den Lehren so unterschiedlicher Denker wie Thomas Jefferson, Peter Kropotkin, Friedrich Nietzsche, dem Dalai Lama sowie der Videospielreihe "Animal Crossing" ergeben. Einer davon lautet: "Gehe in die Tiefe! Sieh genau hin!" Hartmut hat das mit seiner Guerillagruppe gegen die Studienreform vor vielen Jahren verzweifelten Studenten beigebracht, der Budhha wollte es uns allen beibringen und "Animal Crossing" machte es zum Prinzip einer niedlichen, aber visionären virtuellen Welt, die im Gegensatz zum endlosen "Second Life" bloß so winzig wie ein Dorf war, dafür aber jeden Tag neue Gimmicks noch hinter dem letzten Bäumchen versteckte. Man musste nur genau hinsehen. So ist das auch hier. Da wir abgeschottet sind von der Außenwelt, haben wir das genaue Hinsehen wieder gelernt und gerade Jochen schätzt es eigentlich sehr. Wir sind jetzt seit zwei Jahren hier und haben immer noch nicht ansatzweise alles gelesen, was in den Bibliotheken steht, nicht ansatzweise alles gehört, was die rund 5000 Bewohner so an Musik mitgebracht haben und nicht ansatzweise jedes alte Büro und jeden Kellerraum geöffnet, den es zu entdecken gibt.
"Du kriegst Deine Platte, und wenn ich Sie selbst sägen und bauen muss", sagt Jochen.
"Danke", sage ich.
Unsere Notgesellschaft ist nicht schlecht. Würde in der Welt draußen heute noch jemand selber eine Tischtennisplatte bauen und jemand anderem zur Benutzung überlassen, verstöße er damit gegen rund 47 europäische Normgesetze und Vorschriften. Schon vor dem großen Umschwung von oben machte man sich als kleiner Bauer strafbar, wenn man beim Einpacken von Eierkartons zwischen dem achten und dem neunten Ei eine Pause einlegte, um das Telefon abzunehmen. Die Einfuhrbestimmungen von Kakao waren nachweislich länger als beide Testamente der Bibel. Verkaufte ein Lyriker bei einer Lesung wegen Abwesenheit eines Buchhändlers ein Exemplar seines 4,50 Euro-Bändchens unter der Hand selbst, wurde er sofort zur Anmeldung eines Gewerbes gezwungen und durch die daraus resultierenden Konsequenzen seelisch wie finanziell ruiniert. Man hätte es alles früher ahnen können. Selbständigkeit wurde den Menschen schon immer vermiest, lange bevor jede Firma verboten wurde, die sich weigerte, sich dem Verbund staatseigener Betriebe und seinem Prinzip des pauschalen Vorbezahlens und Verteilens anzuschließen. Wobei es schon 2012 fast gar keine kleinen Firmen mehr gab. Alles war bereits mit allem fusioniert... so wie all die winzigen Tröpfchen des Terminator 1000 ganz von selbst wieder zu einer kompakten, unüberwindlichen Killermaschine zusammenfließen.

"Sie variieren", sagt Jörgen gerade, als ich nach Auslieferung des Paketes an Familie Gärtner die Kommandozentrale betrete. Er zeigt auf den Monitor. Hartmut steht hinter ihm wie ein General, dessen Rang nicht durch Streifen und Bommel, sondern durch die Länge seiner Koteletten angezeigt wird. Die Kommandozentrale liegt verteilt auf mehrere Büros in einem versteckten Untergeschoss des ehemaligen Institutes für Mineralogie. Zunächst hatten wir daran gedacht, sie im obersten Stockwerk der Zentralbibliothek im Herzen des Camp Us unterzubringen, aber unsere Strategen redeten uns das zügig aus. Dieser Brückenkopf wäre ein Präsentierteller gewesen. Hier unten muss man uns erst mal finden. Es ist, als schlüge das Herz nicht in der Brust, sondern im Unterschenkel. Wer rammt dort schon ein Messer hinein?
"Erst variieren sie in den Angriffsorten, jetzt variieren sie in den Zeiten." Jörgen lacht. "Aber es hilft ihnen nichts." Unser alter Kumpel Jörgen ist der Chefstratege. Er teilt sich die versteckte Zentrale mit 11 weiteren Kollegen. Junge Leute, die durch 5-12 Jahre Erfahrung mit Computerspielen der Marke "Operation Flashpoint", "Counter Strike" oder "Command & Conquer" eine Menge strategischer Kompetenz entwickelt haben. Auf ihren Bildschirmen sieht man das Gelände in Echtzeit von oben, da die Maschinenbauer, Elektrotechniker und Informatiker einen Satelliten angezapft und ein Programm geschrieben haben, mit dem sich unsere Verteidigungseinheiten wie Einheiten aus Spielen verschieben und befehligen lassen. Das Funksystem ist nicht abhörbar. Die Kampfeinheiten selber bestehen aus übergelaufenen Bundeswehrsoldaten, aber vor allem aus ehemals arbeitslosen Akademikern und Malochern, die sich irgendwann gesagt haben: "Und wenn die Regierung mich noch so sehr versorgt: Ich will mir mein Obst selbst aussuchen. Und ich will keinen Opel Invidia, und wenn noch so fett 'pre-paid by your government' draufsteht!"
"Was guckst Du so besorgt?", frage ich Hartmut, der auf den Monitor starrt und sich mit dem Zeigefinger die Koteletten aufdreht. "Wir halten uns doch prima."
"Ja", sagt er, "aber wie lange noch? Gemüse kann man anbauen, Munition nicht." Er dreht sich vom Monitor weg und durchschreitet den großen Raum bis in den quadratischen Flur zwischen den Büros, in dem zwei Couchen an einem flachen Tisch stehen, auf denen sich früher Fachschaftsräte beim Kaffee trafen. Nun steht hier ein alter Flachbildfernseher auf einer ausrangierten Kommode neben dem Wasserspender, so dass die Belegschaft auf dem Laufenden bleibt. Der Fernseher zeigt den Regierungssender Phoenix, wobei es freilich nur noch Regierungssender gibt. Die Privaten mussten ab 2010 jede Sendung vor der Ausstrahlung von einem zentralen Rat auf ihren humanistischen und intellektuellen "Mehrwert" prüfen lassen; 2012 wurden dann die Mehrheitsanteile der ersten strauchelnden Senderfamilien an den Staat verkauft. Alte Folgen von "Ab ins Beet!", "Frauentausch" oder "Galileo Extreme" werden heute auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Das Regierungsfernsehen zeigt stattdessen Fassbinder, Brecht-Inszenierungen und immer wieder "Derrick", weil die Reichen und die Unternehmer darin grundsätzlich psychopathische Mörder mit blitzsauberem Wohnzimmer sind. Gerade läuft wieder eine Folge. Horst Tappert steht vor einem dunklen Bücherregal aus Teak und sagt zu einer Gattin im schwarzen Hosenanzug: "Es ging ihnen die ganze Zeit nur ums Geld, oder?" Hartmut zieht sich ein Wasser am blubbernden Spender. Er sagt: "Es ist sowieso eine Schande, dass wir uns mit Waffengewalt verteidigen müssen. Den ganzen Tag denke ich über Verteidigungslinien und das Verschieben von Einheiten nach und das nicht, weil ich 'KKND Krossfire' spiele. Das kann doch alles nicht wahr sein!" An der Wand über dem Wasserspender hängt eine Schautafel mit alten Mineralien. Ich erinnere mich daran, wie Hartmut damals gegen die Studienreform gekämpft hat. Viele haben das getan. Sie wollten nicht, dass die Bildung komplett in die Hände der Konzerne fällt. Das tat sie wirklich für ein paar kurze Jahre. Institute hießen plötzlich "Shell-Institut für Betriebswissenschaft" und das Audimax "Piech-Palast", aber der Spuk dauerte nur kurz. Als die Regierung alle Konzerne geschluckt hatte, gehörte wieder die ganze Uni dem Staat, nur eben anders, als man es sich gewünscht hätte. Wie Autos, Strom und Wohnraum wurden jetzt auch Studienplätze nach gesellschaftlichem Bedarf zugeteilt und dem fielen die Mineralogen genauso zum Opfer wie später die Betriebswirtschaftler, während etwa die Juristen und die Volkswissenschaftler einen Aufschwung erlebten. Es sei ja wohl klar erwiesen, dass der Markt versagt habe, lautete damals die Devise von Bundestag bis Maybrit Illner. Das Klima hatte sich vollkommen gewandelt, wurde man als Student der freien Ökonomie früher nur von Philosophen in engen Lederjacken verspottet, wandte sich nun auch die Kassiererin bei Plus gegen einen. "Helfer der Heuschrecken!" schimpfte sie dann und besprühte einen mit CS-Gas aus ihrem Täschchen unter dem Warenband.

"Die Sache ist die", sagt Hartmut, "wir haben nur noch Munition für zwei Tage. Die Eigenproduktion läuft viel zu schleppend bei dem Ausmaß, in dem sie uns belagern. Das weiß außer uns hier unten niemand. "
Ich schrecke auf: "Wie bitte?"
Hartmut nickt mit breiten, zusammengepressten Lippen, die Hamsterbäckchen erzeugen.
"Das müssen wir der Bevölkerung mitteilen!", sage ich.
"Und dann?", fragt Hartmut. "Was hätte sie davon? Gepflegte Panik? Gegenseitiges Plündern?"
Ich fühle mich flau. Das kann er doch nicht ernst meinen. Ich sage: "Hartmut, wir reden wir vom Camp Us. Wir reden nicht von denen, die draußen geblieben sind. Unsere Leute verkraften so was."
Hartmut winkt ab. "Ach! Niemand verkraftet so was! Welchen Grundsatz haben wir denn hier neben 'Gehe in die Tiefe' und 'Sei selbständig"? Na? Richtig, 'Achte darauf, was Du zu Dir nimmst!' Und du weißt, dass damit nicht das Essen gemeint ist, sondern die geistigen Einflüsse. Da draußen hat man die Menschen durch 50 Jahre Angstnachrichten so klein gekriegt, dass sie der neuen Weltregierungskommission aus der Hand fressen und dafür zu Haustieren ohne Freigang mutiert sind. Wenn wir jetzt auch anfangen, unseren Materialmangel öffentlich zu machen, dann..."
"Unsere vierte Direktive lautet aber 'Bediene Dich Deines eigenen Verstandes!'", schimpfe ich. "Die Leute haben ein Recht, zu erfahren, wenn wir wehrlos werden."
Hartmut schweigt einen Moment, sieht mich eindringlich an und sagt: "Nicht, wenn wir das Problem lösen, bevor wir es freimütig verkünden."
Ich runzele die Stirn. "Bitte?"
"Jörgen hat per Satellit ein altes Bundeswehrdepot gefunden, das kaum bewacht wird." Ich überlege, ob das möglich ist. Es ist möglich. Die Bundeswehr wurde 2014 aufgelöst, da alle Länder der EU nun ihre Einheiten von der neu gegründeten europäischen Armee zugeteilt bekamen, der "Armee der Gerechtigkeit", wie sie getauft wurde. Die neuen Einheiten bekamen schicke, frische Standorte zugeteilt, Kasernen aus Edelstahl und Panzerglas und Ausrüstung von den besten, verstaatlichten Herstellern für Camping und Outdoor. In dieser Armee zu dienen wurde in monatelangen Kampagnen als "cool" gebrandet. Galt man früher als Bundeswehrsoldat den meisten Bürgern mehr oder minder als post-faschistoider Komplexheini, der in der Schule zu oft verprügelt wurde, erstrahlte man als EU-Soldat plötzlich im Glanze eines weltweiten Kampfes für die richtige Sache. Die besten der Besten werden heute vom Regierungsfernsehen in der letzten verbliebenen Survivalshow gecastet, die Werbesongs zu dem Spektakel schrieben Silbermond ("Helden wie wir"), Jan Delay ("Soldier, du hast Style!") sowie Bushido ("Gegen die Gier").

"Entweder", sagt Hartmut, "wir verkünden im ganzen Camp Us, dass wir in zwei Tagen wehrlos sind. Oder wir holen das Material aus diesem alten Depot, sagen nix, und lassen die Leute weiter im Glauben, dass wir auf Dauer gewinnen werden. Ich denke, diese Wahl fällt nicht schwer."
Ich kaue von innen auf meinen Wangen herum.
Im Fernseher läuft Derricks Abspann zu Ende und die Nachrichten beginnen. Der Sprecher sagt: "In der sächsischen Schweiz wurden gestern zwei Dörfer von Regierungstruppen gestürmt, die sich ohne staatliche Registrierung mit einem eigenen Geldverkehr und autarker Energieversorgung aus der Gemeinschaft ausgeklinkt hatten." Vizekanzlerin Roth wird eingeblendet, sie lehnt sich schmuckbehangen wie eine Lehrerin, die um Verständnis ringt, über das Pult und sagt: "Die Maßnahme, tut uns wirklich sehr leid, aber es ist eben auch traurig, dass einige Menschen immer noch nicht begreifen, dass Solidarität nur funktioniert, wenn alle mitmachen!" Ein Schnitt zeigt, wie die Menschen aus ihren Häusern abgeführt werden, im nächsten sagt der Wirtschaftsminister, schon bedeutend kühler als seine Kollegin, die spitze Nase im runden Köpfchen gen Himmel gereckt: "Wir akzeptieren es nicht, wenn Abschottung und Egoismus weiterhin von einigen als Option fürs Leben betrachtet werden. Wir haben das Scheitern dieser Einstellung erlebt, wir haben rechtzeitig gehandelt und wir haben damit soziale Gerechtigkeit erzeugt. Dieses Netz darf allerdings keine Risse bekommen. Nur eine einzige Laufmasche und alles könnte gefährdet sein."
Ich schüttele den Kopf, den Blick auf dem Monitor, im Geiste Erinnerungen an die Zeiten, als kleine Plattenfirmen oder Biolimonadehersteller aus dem Nichts zu großen Unternehmen werden konnten. An noch frühere Zeiten, als ich beschloss, jedes Amigaspiel, das mir gefiel, fortan tatsächlich zu kaufen, damit die Teams, die sich mit seiner Gestaltung die Nächte um die Ohren geschlagen hatten, auch belohnt würden. An die Zeit, als die Pakete bei UPS noch unendlich viele verschiedene Formate hatten. "Wir sind die größte Laufmasche", sage ich und Hartmut stimmt mir stumm und bitter zu. "Wir holen die Munition."

* * *
"Geh nicht", fleht Caterina nun schon zum dritten Mal, als ich mit der kleinen, aber schlagkräftigen Einheit am Hinterausgang des Geländes Richtung Lottental stehe. Sie muss das tun, es gehört zur Dramatik, es fehlt nur noch, dass die Frauen wehende Halstücher und schwarze Sonnenbrillen tragen und im Hintergrund irgendwo Elvis läuft. Wir wissen, dass sie im Grunde bewundern, was wir tun und dass die Helden nicht mehr gesucht, sondern längst gefunden wurden.
"Ich komme zurück", sage ich, sehe ihr tief in ihre grünen Augen, schlucke die Traurigkeit herunter, die mich bei dem Gedanken überkommt, dass auch das Gegenteil passieren könnte und küsse sie sehr lang. Ich umarme Hartmut und Susanne; Yannick und Irmtraut habe ich bereits heute morgen umarmt, die bleiben in der Wohnung. Hartmut hält die Stellung, er ist kein Soldat für den Außeneinsatz, er ist Stratege, Propagandaminister, Herbergsvater. Ich allerdings bin unverzichtbar in der Truppe. Ehemaliger Bundeswehrsoldat, schon fast vierzig, somit über 25 Jahre Erfahrung mit den entsprechenden Spielen. Mein Gott, ich habe mich schon durch "Contra", "Commandos" und "The Chaos Engine" geballert, da haben viele meiner Kameraden hier noch am Däumchen genuckelt. Wir steigen in den gepanzerten Kleinbus, winken ein letztes Mal und entfernen uns von unserem sicheren Gelände, das nicht mehr sicher ist, wenn wir heute nicht den Nachschub nach Hause holen.

In unserer kleinen Einheit sind Jörgen als Fahrer, Spritti und Tito von der Waldfront (die wie die meisten Wandelgermanen aus Hohenlohe hierher kamen, nachdem sich der Dorfteppich um Schrozberg nicht mehr gegen die EU-Truppen halten ließ) sowie Henryk, dessen Eltern schon vor vier Jahren rechtskräftig als "Klimaleugner" verurteilt wurden. Spritti saugt immer noch kleine Bierflaschen in sich hinein wie eine Maschine, die irgendwelche Kolben per Unterdruck auspumpt und Tito spricht so wenig wie eh und je. Konzentriert guckt er durch die Buswand, in Gedanken schon im Feld, sein selbstsicheres Lächeln auf den Lippen, als kenne er schon den Ausgang von allem. Die Autobahn meiden wir, denn die ist wie immer verstopft, da die Regierung das Land ja nur durch gesteigerte Produktion von ihr selbst vorbezahlter Autos retten konnte und noch dazu der Güterverkehr wieder komplett von der Schiene auf die Straße verlegt wurde. Nach der Entmachtung Hartmut Mehdorns durch die Heuschreckenverordnung wurde seine Politik trotzdem weiterverfolgt. Da die Nation vom Export lebt, baut die Bahn AG nun Tausende von Zügen für das Ausland - in China etwa ist der Autoboom längst vorüber - während intern die Mautrechner surren. Egal, die Autobahn brauchen wir nicht, denn die stillgelegte Kaserne liegt im sauerländischen Hinterland. Der Weg dorthin gestaltet sich erstaunlich störungsfrei, bis wir genau auf eine unumgehbare Straßensperre zufahren. "Mist", sagt Jörgen, dreht sich um und deutet uns, dass wir uns unter dem extra dafür mitgenommenen Zeltplanendurcheinander verstecken sollen. Er hält an und kurbelt das Fenster herunter.
"Ja?"
"Wo wollen Sie denn hin?"
"Zu Verwandten ins Tal."
"Haben Sie kein neues Auto? Sie wissen, Sie müssen eins nehmen, sobald Sie berechtigt sind. Alte Produkte weiterzuverwenden verstößt gegen das Konjunkturgesetz."
"Hab keine Berechtigung, bin Erbe reicher Leute. Außerdem waren meine Vorfahren Nazis."
Jörgen trägt dick auf, aber das muss heute so sein.
Der Beamte räuspert sich. "Kann ich mal Ihren Ausweis sehen?"
Jörgen gibt ihm seine Chipkarte. Die gibt es schon seit 2010, darauf verzeichnet sind persönliche Daten, Krankenakten, Vorstrafen, Verkehrsnutzungsstatistik, Kalorien- und CO2-Verbrauch; eben alles, was der Staat wissen muss, um einen gerechten Umgang mit der eigenen Person in Relation zur Gesamtbevölkerung gewährleisten zu können. Unsere Chipkarten sind natürlich von den Informatikern gefälscht worden. Alles lässt sich heute fälschen. Die Digitalisierung hat die Regierung nicht zurückgenommen und ihre Maßnahmen, das Netz zu kontrollieren, werden zwar immer radikaler, sind aber noch nicht ausgereift.
"Sie heißen Diego von Mises?"
"Ja, warum nicht?", fragt Jörgen. "Prüfen Sie's nach!"
Der Beamte zieht die Karte mehrfach durch sein Lesegerät, aber alles scheint korrekt zu sein.
"Machen Sie mal hinten auf!", sagt er und ich habe einen Kloß im Hals, denn jetzt geht es los. Entdeckt werden, Geschrei, Schüsse und am Ende liegen zwei, drei Männer tot am Boden. Das will ich nicht. Das darf doch alles nicht wahr sein. Kurz bevor der Mann den Bus öffnen kann, piepst sein Gürteltelefon.
"Ja?"
(...)
"Ich bin hier gerade in einer Kontrolle. Muss das denn...?"
(...)
"Ja, gut, ich komme."
Er geht wieder um den Wagen. "Fahr'n Sie weiter!", sagt er hastig und läuft schon zu seinem Auto, seine Kollegen ihm nach. Ich höre Türenschlagen, dann sind sie weg.
"Was war das denn?", frage ich, als ich als erster den Kopf aus der Plane strecke.
"Mein Notknopf", sagt Jörgen und zeigt auf ein kleines Handy unter seinem rechten Oberschenkel. "Klingelzeichen im Rechenzentrum, die hacken sich in den Polizeifunk und lenken die Beamten mit einem viel dringenderen Fall ab."
"Schade", murmelt Henryk, "ich dachte, es ginge los." So was höre ich nicht gerne. Soldaten müssen sachlich bleiben, aber der Sohn der Klimaleugner scheint auf Rache aus. Irgendwie kommt mir das alles sehr merkwürdig vor.

Das stillgelegte Bundeswehrgelände wirkt wie die Kulisse eines Endzeitspieles der Marke "Fallout" oder "Stalker". Die Zäune sind zum Teil von Wildschweinen untergraben, die Gebäude überwuchert von Grünspan und Efeu. Es gibt tatsächlich keine Bewachung mehr. Man hat viele Areale im Land dem Verfall überlassen. Zahllose Gewerbegebiete, in denen früher unabhängige Firmen Handel trieben, sind Geisterstädte geworden. Selbst für Autoreparaturen gibt es nur noch eine verstaatlichte Kette: A.T.U., was jetzt für "Allgemeine technische Unterstützung" steht. Das Munitionsdepot ist schnell gefunden und ausgeräumt. Das wäre selbst in Zeiten der Bundeswehr mit den richtigen Kontakten einfach gegangen. Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem einem 21 Jahre jungen Mann für ein ganzes Wochenende die Aufsicht über zwanzig 18-jährige überlassen wurde. Ein Haufen adoleszenter Kerle in einer Kaserne voller Waffen. Es ist gut gegangen, aber es hätte auch ganz anders laufen können.
Der Bus ist voll und wir rappeln über den matschigen Wirtschaftsweg aus dem Waldgebiet heraus. 'Fast zu einfach', denke ich noch, als uns am Eingang des Ortes, den wir durchqueren müssen, mit einem Mal vier fast brandneue SUVs von Opel und VW umzingeln. Das ist nicht die Polizei. Das ist das Volk. Türen öffnen sich und Ehepaare steigen heraus, die Männer kräftig und in schlichten Anzügen wie aus dem Büro; die Frauen in alltäglicher Casual Wear und mit praktischer Kurzhaarfrisur, die auch beim Herumtragen von wild zupfenden Kindern nicht allzu flott durcheinander kommt. Jörgen kurbelt wieder das Fenster herunter und spielt den Freundlichen. Es wird nicht erwidert.
"Kommen Sie uns nicht mit 'Guten Tag!'", bellt einer der Männer. "Unser Junge hat beobachtet, wie sie oben in die alte Kaserne eingebrochen sind."
Ich schiele unter der Plane hervor durchs Fenster. Der Junge ist ein kleiner, bösartiger Gnom. Er erinnert mich an die Grabwächter in "Indiana Jones 4", nur dass er teure Sportklamotten trägt.
"Sie gehören zu einer Rebellengruppe, oder?", sagt eine Frau. "Wie die, die sie gestern Abend in Leipzig haben hochgehen lassen. So welche sind Sie. Sie sind Terroristen!" Das Volk grummelt, es klingt wie in alten amerikanischen Filmen, bevor jemand gelyncht wird.
"Das reicht jetzt", sagt Henryk unter der Plane und ehe ich mich's versehe, öffnet er die Tür, tritt mit dem Gewehr auf die Straße und schießt in die Luft, bis das Volk verängstigt zusammenzuckt. Er sagt: "Wir sind die Terroristen? Wir??? Ihre Regierung hat meine Eltern ins Gefängnis gebracht, kaum, dass das Verbot der Leugnung des Klimawandels in Kraft war. Ihre Regierung, die ihnen diese Autos da geschenkt hat, damit das Land überlebt!"
"Es ist unser aller Regierung", sagt der Leithammel der Bürgergruppe, der sich mutig aufrichtet, "und sie hat getan, was getan werden musste. Wirksame Maßnahmen sind nun mal ein wenig zu anstrengend für euch Vertreter der Spaßgesellschaft!" Er speit vor Henryk aus. Jörgen schüttelt nur noch den Kopf. Spritti, Tito und ich steigen aus dem Wagen und wissen nicht so Recht, wie das enden soll. Henryk hebt die Waffe und geht auf den Mann zu.
"Wissen Sie eigentlich, wer die menschengemachte Klimakatastrophe damals auf die Tagesordnung gebracht hat?", zischt er. "Das war die Deutsche Physikalische Gesellschaft, die Lobby der Atomindustrie, und zwar kurz nach Tschernobyl. Da stand man nicht mehr gut da. Anfang der 70er hat man dann die Enquéte-Kommission zum 'Schutz der Erdatmosphäre' eingesetzt. Erster Vorsitzender: Klaus Lippold, Lobbyist der Hanauer Nuklearindustrie! Das sind die Fundamente Ihres heiligen Krieges."
Henryk schreit, die Männer und Frauen weichen zurück. Mit Fakten können sie schlecht umgehen. Ihr Glaube ist nicht auf Fakten gebaut. "Gesetze bestimmen die Umsätze, so ist es doch!", brüllt Henryk weiter. "Seit es Filter gibt und Reinigungssysteme und Höchstbemessungsgrenzen und Weltenrettung; wer baut seither wohl die Geräte dazu? Flick, Quandt, Klöckner, Krupp! Früher haben die dem Militär die Waffen gegossen!" Die Kurzhaarfrauen sehen Henryk an wie ein Insekt. Er redet weiter: "Was denken Sie wohl, warum es heute heißt, Klimaleugung sei keine Meinung, sondern ein Verbrechen? Weil sich mit Verschmutzungsrechten im Emmissionshandel Millarden machen lassen. Und sie stehen hier vor uns mit Ihren Pseudo-Geländewagen aus der Industrierettung und erzählen uns was von Verantwortungslosigkeit!"
Die Männer und Frauen weichen zurück, da sie Henryk wohl langsam doch zutrauen, scharf zu schießen. Er hat sich in Rage geredet.
"Ihr habt die falsche Seite gewählt", sagt der Mann schließlich, der glaubt, das Richtige zu tun und einen 15-Liter-Wagen fährt, weil die Wirtschaft genauso gerettet werden musste wie das Klima. Wahrscheinlich kauft er verrottbare Mülltüten. Oder besser: Bekommt sie zugeteilt. Er steigt langsam wie eine Katze auf Rückzug in sein automobiles Schlachtschiff. Er will uns nicht ernsthaft aufhalten, er wollte nur klarstellen, auf welcher Seite er steht, auch wenn es keine Auswirkungen hat. Wir fahren weiter, die Waffen geladen, die Mission erfüllt, aber ohne die Fähigkeit, uns darüber freuen zu können.

* * *
Der Nachschub ist nur ein Aufschub.
Das "Camp Us" lässt sich auf Dauer nicht halten.
Caterina und ich nutzen die Wochen, die uns bleiben, um so oft wie möglich Hand in Hand durch die Gewächshäuser des Botanischen Gartens zu spazieren, uns in den Tropen zu verlieren und beim Gemüseanbau draußen zu helfen. Während an den Grenzposten die Belagerung unserer Welt zunimmt, stehen wir manchmal zwei Stunden lang schweigend im Geflecht der Bananenbäume und Riesenblätter und verlieren uns in ihren Strukturen. Wir praktizieren den einzigen Grundsatz, der tatsächlich funktioniert: "Geh in die Tiefe!" Derweil hängt Yannick in den tropischen Ästen, zehn Meter hoch, die Krallen im Stamm, kopfüber, und miaut.

Die deutsche Abteilung der europäischen Armee für allumfassende Gerechtigkeit stürmt das "Camp Us" am 4. Juli. Widerstand ist zwecklos. Es gibt keine finale Schlacht, keinen Showdown, keine filmreife Dramatik, die alles beschließt. Es fallen einfach nur unsere Wachposten, weil der Gegner auf Dauer mehr Material hat, die Armee dringt ein, der Rest ist Fleißarbeit: Über 2000 Paare und Familien aus den Gebäuden holen, die selbst wir nach zwei Jahren nicht fertig erforscht haben. Die Gewächshäuser und den fruchtbaren Garten verstaatlichen, die Rechner abklemmen, die Aktion mit Hilfe aller TV-Sender als erfolgreichen Schlag gegen die letzten Radikalen darstellen, die sich der Gemeinschaft immer noch mit Zähnen und Klauen verschlossen haben wie die Iren oder die Norweger bei der Gründung der Vereinigten Staaten von Europa. Als ein Großteil der Bewohner auf dem Platz zwischen Zentralbibliothek und Audimax zusammengetrieben wird und zur Deeskalation und Beruhigung durch die Boxen der Polizeiwannen Bob Dylan gespielt wird, ertönt ein lautes, knorriges Quietschen auf Beton. Jochen, unser guter, alter, verpeilter Freund, zerrt eine windschiefe, selbstgeschnitzte Tischtennisplatte über die klappernden Bodenplatten. Er schwitzt. Er schaut auf seine Schuhe. Er merkt nicht, was vor sich geht. Er muss tagelang irgendwo in einem Kellerraum gebastelt haben. Er macht kurz Pause, dann sieht er auf.
"Oh!", sagt er.
"Ja, oh!", sage ich.

Und wünsche mir, endlich aufzuwachen...

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