ZUMBA MACHT DEN MANN


Die Wand aus Paketen, die ich im Hänger gestapelt habe, ist dicht und beeindruckend. Das sieht auch die Jury so. Sie besteht aus Stolle, unserem Vorarbeiter, Klaus, dem Chef der Wagenflotte und Martin, dem militärischen Muskelpaket. Martin ist zwar weder Vorarbeiter noch Chef, aber er muss den Wettbewerb nicht mehr mitmachen, der ein Mal pro Jahr in der Verteilerhalle von UPS stattfindet. Er hat ihn schon zu oft gewonnen. Niemand in der Öffentlichkeit weiß, dass dieser Contest stattfindet. Dieses Mal bin ich der heißeste Kandidat auf den Titel. Es wird Zeit.
"Du bekommst 50 Punkte für die Paketwand", sagt Stolle und nickt anerkennend. Der Höchstwert. Stolle zeigt auf meine Konkurrenten, die gerade aus ihren Hängern steigen. "Aber wir ziehen 10 Punkte dafür ab, wie du aus dem Truck gesprungen bist."
"Komm schon!", schimpfe ich. "10 Punkte???"
Martin unterstützt den Juryvorsitzenden: "Beide Beine voraus, die Knie gebeugt, die Händchen geballt und die Augen beim Aufprall kurz geschlossen. Das sieht aus wie bei einem kleinen Jungen mit Latzhose, der aufs Töpfchen muss."
Die Kriterien sind streng bei der Meisterschaft zum "männlichsten Mitarbeiter des Jahres". Das Logo ist auf einem Transparent am Board der Jury angebracht, einer alten, ausrangierten Biertheke: MMdJ. Die Buchstaben sind so zackig geschrieben wie das M im Schriftzug von Metallica. Es kommt auf alles an in dieser Woche. Wie man zum Pausenraum geht. Ob man auch wirklich im Stehen pinkelt. Wie viel Bier man nach Feierabend schafft. Ob man den Kronkorken mit den Zähnen abbeißen kann. Das Fließband stoppt. Stolle ruft alle Kandidaten zur Theke.
"Mesut", sagt er zu meinem schärfsten Konkurrenten. "Wir haben herausbekommen, dass du am Wochenende nebenbei trödelst. Das gibt keinen Punktabzug. Das ist okay. Aber dann konnten wir beobachten, womit du handelst."
Mesut senkt den Kopf. Wäre er eine Katze, würde er sich nun aus Verlegenheit putzen. "Mit Porzellanpuppen? Ist das dein Ernst? 20 Punkte Männlichkeitsbazug!"
Mesut flucht leise auf türkisch.
Stolle schaut zu mir. "So, und jetzt noch mal zu dir, mein Freund."
Oh Gott. Was haben sie über mich rausgekriegt? Was gibt es da Unmännliches? Ich lebe in einer WG mit meinem besten Kumpel. Ich habe eine wunderschöne Freundin. Ich spiele Playstation, gucke Fußball, esse Fleisch. Ich bin auf der sicheren Seite.
"Wir haben deine Mutter angerufen", sagt Stolle.
Ich bin nicht auf der sicheren Seite.
"Und die hat uns nicht nur verraten, dass sie dir mit zwölf Jahren immer noch die Haare gewaschen hat, wenn du in der Badewanne saßt..."
"... das wollte ich nicht!", lüge ich. "Da habe ich mich gewehrt!"
"... sondern auch, dass du..." - Stolle muss kichern - "mit fünfzehn leidenschaftlich Liebesballaden von Phil Collins gehört hast!"
Alles lacht.
Martin schüttelt traurig den Kopf und zeichnet auf dem Flipchart hinter der Theke auch mir 20 Minuspunkte ein. Na super. Die Arbeit von heute ist praktisch zunichte. Ich stehe bei gerade mal 20 Punkten. Mein Vorsprung ist sogut wie dahin.
Mesut hat insgesamt 15.
Boris hat 10. Er ist ein Stiernacken, der mittelmäßig Pakete stapelt, aber am Wochenende zu den Ultras des Vfl Bochum gehört. Ich knalle die Hallentür, als ich gehe. Wahrscheinlich schreibt mir Martin dafür einen Pluspunkt auf.

Als ich nach Hause komme, öffne ich den Kühlschrank auf der Suche nach Fleisch. Zwei zarte Hände schieben sich von hinten durch mein T-Shirt nach vorne, während mir warme, weiche Lippen den Nacken Küssen. Mein Herz beschleunigt sich und mein Blut schießt so schnell aus meinem Kopf in andere Regionen, dass ich mein Sprachvermögen verliere. Caterinas Fingerkuppen umkreisen ein paar Mal meine Brustwarzen, bevor sie sie zwicken. Ich gebe einen Laut von mir, etwas wie "Umba!", wie gesagt, das Sprachvermögen ist bereits verschwunden. Meine Freundin schließt den Kühlschrank und zieht mich in mein Zimmer. Das ist wunderbar.
Schade ist nur, dass ich nach fünf Minuten schon wieder herauskomme.
"Ist doch nicht so schlimm", lügt Caterina und geht ins Bad. Ich setze mich aufs Sofa, schalte die Playstation ein und starte das Ballerspiel "Apocalypse". Die Figur, die ich lenke, hat die Synchronstimme von Bruce Willis. Ich feuere aus allen Rohren. Hartmut streckt den Kopf durch den Perlenschnurvorhang und sieht mir an, dass ich frustriert bin.
"Ist wieder Männlichkeitswoche?", fragt er.
Ich werfe die Fernsehzeitung nach ihm.
"Was ist denn los?"
Ich schiebe schweigsam die Augenbrauen vor, so dass sich Schatten über meinen Augen bilden. Hartmut schaut auf die halb geöffnete, kleine Tür in der selbstgebauten Sperrholzwand zu meinem Zimmer. Auf dem Fußboden liegt ein Schlüpfer. Er begreift, was war, dreht den Kopf, um sicherzugehen, dass keine unserer Frauen mithört und flüstert: "Wie schnell warst du? Drei Minuten, wie ein Hit von Bon Jovi? Oder doch wenigstens U2?"
Ich drücke die Knöpfe des Joypads und murmele: "Eher ganz alte Platten von Green Day." "Unter einer Minute???", ruft Hartmut aus. Ich komme mir vor wie ein rolliges Kaninchen. Frauen wollen keine Kaninchen im Bett. Kaninchen sind nicht männlich.
"Ich schaffe auch keine Pink-Floyd-Länge mehr", sagt Hartmut. Ich frage mich im Stillen, ob auch andere Männer ihr Standvermögen in Musiktiteln ausdrücken. "Früher konnte ich so lange Sex machen wie ein altes Doppelalbum dauert. Oder die gesamte neunte Sinfonie von Beethoven." Hartmut ist der Gebildetere von uns beiden. Er studiert Philosophie. Gerade bastelt er an seiner Doktorarbeit. "Aber!", sagt er, reißt die Hände hoch und strahlt auf einmal angsteinflößend. "Ich habe die Lösung gefunden!" Er huscht aus dem Wohnzimmer und kramt im Westflügel der Wohnung in seinem Zimmer herum. Es macht "klack", ich höre Schritte und mit ihnen nähert sich lateinamerikanische Musik. Flotte Bläser heben sich gen Himmel. Flinke Hände tanzen über tönende Trommeln. Der Perlenschnurvorhang öffnet sich wieder, Hartmut stellt den Ghettoblaster ab und tanzt hüftwackelnd vor mir herum. Er schwenkt die Arme über dem Kopf und trägt plötzlich ein quietschgelbes Shirt mit V-Ausschnitt, auf dem "Zumba" steht.
"Was machst du da?", frage ich ihn.
Der Sänger im Ghettoblaster jubelt: "Luna llena/ Luna llena/ Luna llena!"
Hartmut modifiziert den Tanzschritt und beobachtet angestrengt, ob seine Füße auch alles richtig machen. "Ich ändere alles!", keucht er.
Der Argentinier in der Anlage singt: "Bajo una noche estrellada/ de luna llena!" Vielleicht ist er auch Portugiese. Oder Peruaner. Jedenfalls hat er nicht wie ich eben noch vier Stunden bei UPS am Fließband gestanden und danach beim Sex versagt.
Hartmut schaltet die Musik aus und zeigt nacheinander in die Küche, auf den Fernseher und auf den Stapel CDs, der auf dem Boden vor meiner Tür liegt.
"Fleisch! Ballerspiele! Metallica! Das ist dein Problem! Das ist unser Problem, als Männer!"
"Wovon redest du eigentlich?"
"Wir sind Barbaren", sagt Hartmut. "Männer sind hüftsteife Barbaren. Wir spielen Krieg nach und laufen wie die Gorillas. Und wenn wir mal "tanzen" gehen, dann meinen wir damit, dass wir uns gegenseitig rumschubsen, während ein bärbeißiger Mann uns durchs Mikrofon anbrüllt."
Das stimmt. So was mache ich heute. Und ich sorge dafür, dass meine Kollegen es mitbekommen.
"Und?", frage ich, und lasse das Joypad sinken. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass ich heute nicht mehr zum Zocken komme. Caterina badet, Hartmuts Susanne ist einkaufen und unser Kater Yannick pennt, wo moderne Katzen eben pennen, also nicht in einem der zahlreichen Körbchen, sondern mitten im Spülbecken, das er vollständig ausfüllt.
"Wann hast du mit Caterina zuletzt so ausgiebig Sex gehabt, dass sie glücklich war? Also mindestens eine U2-Ballade lang?"
"Das geht dich gar nichts an!", frotzele ich.
"Also ist es länger her als zwei Wochen."
"Ja, so sehe ich aus!"
"Wir leben in einer WG, mein Freund."
"Wann haben du und Susanne denn zuletzt Kamasutra-mäßig das Lager geteilt?"
"Das Lager geteilt? Sagt man das so bei UPS? Hallo gute Frau, ich habe noch Platz im Laster. Sollen wir das Lager teilen?"
Ich will die Fernsehzeitung nach ihm werfen, aber die ist schon verbraucht.
"Vor fünf Wochen", gibt er zu. Jetzt bin ich doch baff.
"Bei uns lag noch Schnee...", fällt es aus mir heraus. Mist. Wenn Hartmut ehrlich wird, muss ich immer nachziehen. Das ist schon seit der Schulzeit so.
"Ich bin halt oft erschöpft", sage ich. "Da fehlt dann die Spannung. Dann ist es so schön und erleichternd, endlich loszulassen, dass..."
"Ja, ja", sagt Hartmut, "Gründe gibt's immer. Aber der einzige, echte Grund ist, dass wir Männer Barbaren sind." Er zeigt auf den Bildschirm. "Ballern und Bumsen vertragen sich nicht."
Worauf will er hinaus?
"Das einzige was hilft ist Zumba!!!"
Er schaltet die CD wieder ein: "Luna llena/ Luna llena/ Luna llena!"
Hartmut reißt sich das T-Shirt vom Leib, entblößt sein krauses Brusthaar, beugt sich im Rhythmus nach vorn und hinten und schüttelt seine Schultern. Wie in Exstase. Hätte er Brüste, würden sie jetzt mächtig wackeln. Wortlos tanzt er ein paar Schritte zur Fensterbank, zieht einen Umschlag unter dem Kerzenständer hervor, tanzt zum Sessel zurück und gibt ihn mir. Ein Gutschein für einen Schnupperkurs im Zumba. Für zwei.
"Oh, nein!", sage ich und denke daran, wie mühsam es für mich war, überhaupt zum ganzen Kerl zu werden. Ich arbeite bei UPS als Packer. Ich habe Muskeln. Bizeps, Trizeps, alles. Ich esse Fleisch. Ich höre mittlerweile Musik von Männern, die beim Brüllen heiße Kartoffeln im Hals haben. Ich bin der Favorit auf den MMdJ-Titel in diesem Jahr.
"Oh nein!", betone ich noch mal und der Peruaner preist seinen "Luna llena!"
"Beim letzten guten Sex, da lag noch Schnee!", trällert Hartmut und hört nicht eher auf, durchs Wohnzimmer zu tanzen, bis das Lied zu Ende ist.

Der Zumba-Kurs findet in einer Tanzschule statt. In der Schulzeit haben Hartmut und ich keine Tanzstunden genommen. Ich hatte gerade Phil Collins überwunden und begann, zu harten Konzerten zu gehen und Hartmut verweigerte grundsätzlich, was die Mehrheit machte. Jetzt aber ist er ganz aufgeregt und dehnt seine Beine, als wir ganz am Ende des Raums hinter gefühlten dreitausend Frauen stehen. Außer uns sehe ich keinen einzigen Mann. Die Frauen sind eine Mischung aus allen Sparten, von Milla Jovovich bis Mutter Beimer. Sie sind völlig entspannt. Ein paar drehen sich um und lächeln uns zu. Gäbe es nicht Caterina und Susanne - es wäre das Flirtparadies.
"Es ist mir peinlich", zische ich. Ich fühle mich wie in der Achterbahn, kurz bevor der Bügel geschlossen wird. Noch könnte ich flüchten.
"Es ist bewiesen", sagt Hartmut, "durch eine britische Studie. Gute Tänzer wirken anziehend auf Frauen, auch auf die eigenen! Sie werden bessere Liebhaber. Aber man darf nicht irgendwie tanzen. Am wichtigsten sind der Schwung der Schulter, das Nicken des Kopfes, der Twist im Knie und der Rhythmus im Becken." Die Musik geht an und Vortänzerin Martina hüpft in den Raum. Sie strahlt so enthusiastisch, als regne während der nächsten 45 Minuten die Freude des Herrn aus dem Himmel auf uns alle herab. Ihr blonder Pferdeschwanz springt hinter ihr her, da sie zu schnell für ihn ist.
"Hallo, ihr Lieben!", ruft sie durch ihr Headset und in den Boxen klöppeln schon Calypso-Trommeln. "Spür den Groove!", sagt Hartmut und legt los. "Wir müssen von Barbaren zu Beckenfreunden werden!" Ich seufze und versuche, nachzuahmen, was Martina dort vorne und Hartmut neben mir vormachen. Bei ihm sieht es aus, als hole ein Sportstudent, der verschlafen hat, voller Eifer die ersten sieben Semester nach. Bei mir muss es aussehen, als lerne ein kanadischer Holzfäller, immer erst eine fröhliche Drehung zu machen, bevor er mit einem Grunzlaut den Scheit spaltet.

"So ein dämlicher Einfall!", schimpfe ich, als wir heimkommen und den Hausflur betreten. "Guck dir das an" - ich klopfe auf meine Wangen - "ich bin jetzt noch rot vor Scham." "Es war die erste Stunde nach Jahren des Geballers aus Gewehren und Gitarren. Dein Körper muss sich erst mal an Freude und Feeling gewöhnen."
"Freude und Feeling... ich scheuer dir gleich eine."
"Weißt du", sagt Hartmut, "ich habe immer gedacht, man könnte mit Free Jazz oder Philosophie den Barbaren aus dem Mann vertreiben. Aber das sind Kopfgeburten. Was wir brauchen, sind Samba, Salsa, Mambo und Merengue!" Hartmut hat wieder was gefunden, in das er sich reinsteigern kann. Als wenn es was bringt. Es ist zum Mäusemelken.

Bei der Männlichkeitsmeisterschaft von UPS ist heute der Nahkampf dran. Die Halle ist abgeschlossen. Hier im Gewerbegebiet am Rhein-Herne-Kanal kommt zwar auch sonst kein Kunde einfach so vorbei, aber sicher ist sicher. Stolle, Martin und Klaus haben mit Kreide die Grenzen des "Rings" auf den Boden gemalt. Mesut und ich tragen Boxhandschuhe, kurze Hosen und Ärmellose Shirts. Besiege ich ihn, hole ich Punkte auf. Es ist aber unwahrscheinlich, denn er hat den Straßenkampf von seinen Brüdern gelernt. Ich war ein vaterloses Einzelkind und lernte von meiner Mutter, dass der Klügere nachgibt und sich nicht auf "das Niveau der Schläger herablässt". Stolle schlägt die Glocke und Mesut tackert mir ein paar Schläge auf Brust, Oberarm und Stirn, ehe ich überhaupt merke, dass wir angefangen haben. Ich bringe ein paar Schritte Abstand zwischen uns und schlage einen Schwinger. Er taucht drunter weg und semmelt mir eins auf die Nase. Holla, die Waldfee! Schmerzen sind immer wieder ein Erlebnis. Die Kollegen schütteln den Kopf. Ich bin einwandfrei unterlegen. Der nächste Schlag trifft mich und es klingelt in meiner Birne. Das Klingeln geht in das Trommeln der Calypso-Schalen über. Eine Melodie spielt in meinem Kopf. "Luna llena/ Luna llena/ Luna llena!" Mesut greift wieder an, doch ich mache einen Ausfallschritt aus dem Zumba. Meine Hüfte bringt mich zu meiner eigenen Überraschung in eine so günstige Position, dass Mesuts kantiges Kinn ohne Deckung ist. Einen Augenblick später liegt er bewusstlos am Boden. Die Kollegen applaudieren. In meinem Kopf singt der Peruaner. Martin notiert 100 Pluspunkte am Flipchart.

"Und? Wie war's?", fragt Hartmut mich in der Tanzhalle vorm Beginn unserer zweiten Zumba-Stunde. Er meint meinen letzten Sex mit Caterina. Vom Boxkampf weiß er nichts. An seinem Grinsen erkenne ich, dass es bei ihm und Susanne letzte Nacht recht gut gewesen sein muss. Ich denke an Caterinas glänzende Lippen und ihre Augen, in denen ich versinken kann. Nur, dass ich leider wieder wie ein morsches Brett versunken bin, dass man in den Fluss geschmissen hat. Obwohl der Anfang unserer Reise dieses Mal besser war. "Sagen wir so, ich nähere mich dem 3-Minuten-Hit von Bon Jovi."
"Ich verstehe", sagt Hartmut. "Da hilft nur eins! Die erste Reihe!"
Hartmut zerrt mich an den Damen vorbei. Er nötigt mich, mit ihm ganz vorne zu tanzen.
Dreitausend Frauen hinter mir und vor mir eine Trainerin, die bei jedem Lied einen Grund findet, ihre Brüste in die Luft zu werfen, als wolle sie Gott für die weibliche Schöpfung danken.
"In jeder unserer Zellen lebt unser ganzes Wesen!", ruft Hartmut mir zu, während er seine Brust schüttelt. "Lass den Rhythmus rein!"
Wenn ich ohnehin schon mal hier bin, kann ich auch den Rhythmus rein lassen, denke ich mir und spüre nach vier Liedern, wie mein Becken auf einmal in Bereiche vordringt, die es noch nicht einmal kannte. Ich erinnere mich an den Sieg über Mesut. Ich schwinge. Ich drehe. Ich lass den Rhythmus rein. Ich kriege nicht mehr mit, was um mich herum geschieht. Martina jubelt. Der kanadische Holzfäller schwingt die Axt über dem Holz wie eine Spielstange. Die Scheite müssen warten.

Am Freitag gewinne ich die letzte Disziplin zum "männlichsten Mitarbeiter des Jahres" - das Fluchen - mit weitem Abstand vor Boris und knappem Abstand vor Mesut. Vorher habe ich bereits das Spucken, das Im-Schritt-Kratzen und das Wütend-gegen-die-Wand-schlagen gewonnen. Stolle malt den finalen Punktestand an das Flipchart. Dann hebt er den Edding, weil die Kollegen schon applaudieren wollen, macht ein ernstes Gesicht und sagt: "Leider ist die Sache doch noch nicht entschieden."
Ich stutze.
Was soll denn jetzt noch passieren?
"Er hat mit 125 Punkten Gesamtvorsprung gewonnen!", ruft einer aus dem Hintergrund. "Die kann er nicht mehr verlieren."
Stolle seufzt schwer. Klaus klappt einen Laptop auf und alle kommen näher, um zu sehen, welches Video sich dort öffnet. Es ertönen Calypso-Trommeln. Martin, mit dem ich im Alltag seit Jahren ein Team am Fließband bilde, schüttelt den Kopf wie ein enttäuschter Papa. Das T-Shirt, das er heute trägt, hat abgeschnittene ärmel und zeigt, wie einem Mann eine Faust ins Gesicht getrieben wird. Es ist das Tournee-Shirt zu "Vulgar Display Of Power", der ersten Platte von Pantera.
Das Video auf dem Laptop zeigt, wie Milla Jovovich und Mutter Beimer in jeweils hundertfacher Ausführung Zumba tanzen. Im Vordergrund aber, auffällig wie zwei bunte Hunde, reißen Hartmut und ich die Hände in die Luft und schütteln unsere unsichtbaren Brüste.
"Ach, du Scheiße!", hauche ich. "Die haben den Kurs gefilmt?"
Ich zeige auf den Monitor, während Stolle langsam und gnadenlos genau 126 Punkte abzieht, so das Mesut den Wettbewerb zum männlichsten Mitarbeiter des Jahres mit einem Punkt Vorsprung gewonnen hat. "Die dürfen das doch nicht einfach filmen!!!", sage ich.
"Mach dir nichts draus", sagt Mesut und klopft mir hämisch auf die Schulter. "Wie sagt man so schön? Ein bisschen bi schadet nie!" Heute knalle ich die Hallentür lauter denn je.

Es fühlt sich an, als stürme ich durch die UPS-Tür hinaus ohne Umweg in unsere WG-Tür hinein, denn in der Küche ertönen die gleichen Rhythmen wie auf dem Laptop der Schande. Hartmut, Susanne, Caterina und Yannick sitzen am und auf dem Küchentisch und schauen sich das Video an. Sie lachen aber nicht. Im Gegenteil. Susanne krault Hartmuts Nacken und Caterina ist fasziniert davon, was sie sieht.
"Wieso konnten die das filmen?", brülle ich Hartmut an, aber meine Wut ist sofort verflogen, weil Caterina aufsteht, sich um mich schlingt und ihre Zunge in meinen Hals gleiten lässt. Von jetzt auf gleich: Überall Caterina. Es geht so schnell, dass nicht nur mein Sprachvermögen verschwindet, sondern mein Hirn sich verflüssigt und vollständig in meine Lenden flutscht.
"Das haben wir durch Einlösen den Schnuppergutscheins unterschrieben", sagt Hartmut. "Der Mann hat nur die letzten zwei Lieder gefilmt. Wer nicht wollte, durfte gehen, aber du hast gar nichts mehr mitgekriegt und ich wollte dich in deinem Flow nicht unterbrechen." Ich höre ihn schon nicht mehr. Meine Ohren Rauschen, als ich mit Caterina ins Zimmer stürme. Wir kommen nicht mehr heraus, bis der Morgen anbricht.

Am nächsten Tag stolziere ich in die UPS-Halle wie ein Mann, dem keiner etwas kann. Mesut trägt sein MMdJ-Siegertrikot. Ich trage ein T-Shirt, das ich an diesem Ort noch niemals an hatte. Alle sehen mir nach, als ich die Treppe in den Pausenraum hochsteige.
"Die 'Both Sides Of The Story'-Tournee von Phil Collins?", krächzt Martin und lässt fast seinen Kaffeebecher fallen. "Ist das dein Ernst?"
"Jawohl", sage ich und gieße mir ein. "Ich höre nicht nur Metal, sondern immer noch Phil Collins, zur Entspannung, bis heute. So sieht das aus! Ich habe ein Stofftier im Bett, springe gerne aus dem Truck wie ein Junge mit Latzhose und ich praktiziere Zumba-Fitness."
Martin sieht mich prüfend an. Er wundert sich, dass ich in mir ruhe, während ich das sage. Vollständig.
Locker in der Hüfte und aufrecht im Kreuz.
Wie ein echter Mann.
Er klappt den Zeigefinger vom Becher ab und schwenkt den Arm ihn auf und ab. "Du hast letzte Nacht Bomben-Sex gehabt, oder?"
Ich ziehe eine verschmitzte, genüssliche Schnute und sage: "Ich formuliere es mal so. Nicht Bon Jovi. Nicht U2. Nicht mal Beethoven, sondern... eine ganze Wagner-Oper in der 16-CD-Fassung." Martin kann nur erahnen, was ich damit meine.
Aber ich genieße es, wie diese Ahnung ihn gerade in meinem Rücken mit Neid erfüllt, während ich die Treppe hinunter in die Halle schreite. Kurz, bevor ich das Fließband erreiche, mache ich einen Hüftschwung.
Ein Kollege kichert.
Ich lächele ihm gütig zu.
Eines Tages wird er verstehen, was einen Mann ausmacht.

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