TRASHFILM


Hallo, hier schreibt der Jochen!

Wie Ihr sicher schon mitbekommen habt, sammle und interpretiere ich Trashfilme. B- und C-Streifen, die nur für Videotheken hergestellt werden und niemals die Kinoleinwand erblicken. Die Action-, Horror und Karatefilme oder Pseudo-Science Fiction-Schinken, die man nach 23 Uhr auf Privatsendern sieht und die manchmal bis zu 10 Fortsetzungen haben. Oder dieselbe Story noch mal in einem anderen Gewand.

Schaut auch mal meine neue Rubrik "Trash-Test" rein.

Meine Theorie ist, dass diese Billigproduktionen in Wirklichkeit große Kunst sind, welche sogar die Idee des Verfremdungseffektes von Bertolt Brecht weiterführen. Laut Brecht sollte das Theater keine Illusion erzeugen, die den Zuschauer einwickelt, sondern die ganze Zeit auf sich selbst zeigen und sagen, dass es nur Theater ist. Nichts anderes passiert bei Karate Tiger 2, wenn während der Dialoge das Mikro oben in den Bildschirm hängt oder man in drittklassigen Söldnerfirmen sehen kann, wie die winzigen Sprengladungen, die das Auftreffen von Gewehrkugeln simulieren sollen, zu früh losgehen.

Auch auf inhaltlicher Ebene erfüllen Trashfilme diesen Anspruch. Die Handlung ist meistens fast so schlecht wie bei Pornos und bemüht sich gar nicht darum, zu verbergen, dass sie nur ein Vorwand ist, damit gleich das Geknalle losgeht. Sollen wir einen kleinen Test machen? Welcher Film ist das: Dave ist der junge Bruder von Michael, Kickbox-Champion auf dem Zenith seines Erfolgs. Eines Tages will er in die Fußstapfen seines Bruders treten. Dann muss er mit ansehen, wie der böse Leung Chang seinen Bruder im Ring fast zu Tode prügelt. Michael ist danach querschnittsgelähmt. Dave sinnt nach Rache und sucht Hilfe bei Michaels altem Lehrmeister, einem winzigen Koreaner mit einem Steingarten. Der trainiert eigentlich keine Kämpfer mehr, aber am Ende kann Dave ihn überzeugen und rüstet sich nach hartem Training für den finalen Fight.

Na? Die Beschreibung trifft auf viele Filme zu? Ich habe nachgezählt: es sind 226.
Auch gut wird es, wenn Actionfilme eine Message ausdrücken. So etwa, wenn Michael Dudikoff mit jugendlichen Straftätern als Soldaten in den Einsatz zieht und im Krieg selbst der größte Rassist seinem farbigen Kameraden am Ende beisteht und geläutert wird. Oder wenn Chuck Norris uns in seiner ganzen Subtilität beibringt, dass der Vietcong ein grausames Schwein war.

Nahezu komplex wird es in Copthrillern mit Darstellern wie Jeff Wincott, die aus dem vierten Stock in ein Pool fallen, im Flug den Gangster verdreschen und dann nass aus dem Chlor steigen und sich über den verknitterten Anzug beschweren. Dort gibt es neben dem guten Cop und dem bösen Cop noch den "prinzipiell guten Cop". Während der gute Cop (meistens der junge, idealistische Neuling) für Recht und Ordnung alles aufs Spiel setzt, weiß der "prinzipiell gute Cop" (meistens der ältere, desillusionierte Partner) über all den Mist und die Korruption in den eigenen Reihen bescheid, hat sich aber entschieden, sich einzurichten, die Schnauze zu halten und nach seiner Karriere einen Enthüllungsbestseller über Korruption zu schreiben, damit Millionen zu verdienen und einen schönen Lebensabend in Santa Monica Beach zu verbringen. Dann nippt er in dem dunklen Coffee Shop an seiner Tasse und sagt zu seinem jungen Kollegen: "Und genau das solltest du auch tun, mein Freund." Einen Moment lang glaubt er das, glauben wir das – und dann wird der alte Hase kurz vor der Pension von einem Killer um die Ecke gebracht, weil er zu viel wusste. Also lädt der junge Idealist noch mal durch und räumt doch den Laden auf.

Die entscheidende Frage ist doch: Wer macht solche Filme, die einem die Moral und Propaganda so offen ins Gesicht hauen? Die sich gar nicht erst darum bemühen, einen zu fesseln? Die ihr Muster abspulen, immer wieder? Es sind sicher keine dummen Menschen, denn wer so sicher mit Formeln spielt, weiß, was er tut. Nun sind sie also clever. Aber warum machen sie es? Nur des Geldes wegen? Wie viel kann ein Film wie American Fighter V, Karate Warrior 7 oder Freedom Strike einbringen, selbst wenn er noch so wenig kostet?

Ich denke, die Regisseure, Autoren und Produzenten dieser Filme sind die wahren Subversiven unserer heutigen Zeit. Die echten Kritiker Hollywoods. Indem sie Filme nach Schema F am Fließband produzieren, entlarven sie die Kulturfabrik. Indem sie ihren Geschichten den Anstrich individueller Werke so schlecht geben, dass man ihn als Lüge erkennt, zeigen sie, wie sehr auch der teure Pomp nur ein Abklatsch ist. Und indem so mies gespielt wird, dass man den Darstellern das Spiel ansieht und jeder Fehler im Film gelassen wird, ist ihre Action keine Illusionsbühne mehr, sondern die neue Form von Brechts Straßentheater. Nicht umsonst wirkt ein Michael Dudikoff immer so, als würde er im nächsten Augenblick losprusten müssen. Nach dem 7. kommt der 8. Teil. Das ist mehr Punk als eine Cannes-Revue mit Antikriegsfilm und Schnittchen.


Euer
Jochen